Glaube in Auswahl

Die 18. Würzburger KV-Tage fanden vom 8. bis 10. Januar 1988 zum Thema „Glaube in Auswahl" statt. Es war eine der wohl interessantesten, aber auch anspruchsvollsten Tagungen der KV-Akademie.

Nachdem das Interesse im vergangenen Jahr aufgrund der aktuellen und brisanten Thematik (Kernkraft) überdurchschnittlich groß gewesen war, fanden sich in diesem Jahr nur etwa 40 Personen im Burkardushaus im Schatten des Domes ein. Das Thema wurde in zwei Arbeitskreisen – „Wo setzen wir den Hebel an?", „Was soll ich tun?" – diskutiert. Den Auftakt der Tagung bildeten zwei Grundsatzreferate. Zunächst referierte der Leiter des Katholischen Büros in Bonn, der Verbindungsstelle der deutschen Bischöfe zur Politik, Kb Prälat Paul Bocklet (Nm-W). Den anderen Einführungsvortrag hielt Kb Spiritual Dr. Heinz Geist (Nm–W) über das Thema „Was muss man glauben?".

Innerhalb unserer Thematik „Glaube in Auswahl?" bzw. „Was muss man glauben (und der damit suggerierten Frage: Was nicht)?" spielen natürlich die kirchlichen Dogmen bzw. nicht eigens dogmatisierten, aber allgemein akzeptierten Glaubenswahrheiten eine besondere Rolle.

Innerkirchlich wie im Blick auf andere Kirchen trifft man offensichtlich eine Auswahl aus dem Glaubensgut der Kirchen und beruft sich auf die Lehre des 2. Vatikanischen Konzils von der „Hierarchie der Wahrheiten". Dort heißt es im Zusammenhang mit dem ökumenischen Dialog: „Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder Hierarchie der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament christlichen Glaubens..." Beruft man sich zu Recht auf diese Aussage des Konzils bzw. was bedeutet sie für unser eigenes Glauben in dieser Zeit? Zunächst muss einem Missverständnis gewehrt werden, das weit verbreitet ist: Das theologische Prinzip der sogenannten Hierarchie der Wahrheiten ist kein Auswahlprinzip, demzufolge man bestimmte Glaubenswahrheiten verwerfen oder leugnen kann und darf. Es geht nicht darum, mit Hilfe dieses Prinzips den Glauben zu reduzieren. Das Prinzip von der Hierarchie der Wahrheiten ist vielmehr ein Interpretationsprinzip: Jedes einzelne Dogma kann nur richtig verstanden werden, wenn es im Zusammenhang aller übrigen Glaubenswahrheiten gesehen wird. Von daher gibt es eine objektive Hierarchie der Wahrheiten.

Je nachdem wie eine Wahrheit mit dem Fundament des Glaubens zusammenhängt, ob sie eine auf einem langen Weg abgeleitete Wahrheit ist oder das Fundament sehr deutlich macht, danach ist sie zu bewerten. Von daher gesehen ist der Ablass nicht so wichtig wie das kirchliche Amt, und die Mariendogmen sind nicht von der Bedeutung der Trinitätslehre. Dennoch ist damit nicht deren Wahrheitscharakter abgelehnt.

Das Prinzip von der Hierarchie der Wahrheiten ist ein Interpretationsprinzip

Das bedeutet allerdings auch, dass eine definierte, mit höchster Autorität als wahr erklärte Wahrheitsaussage nicht schon deshalb, weil sie definiert ist, zu den wichtigen Glaubensaussagen gehört. Es kann sein, dass eine Glaubenswahrheit zu einer bestimmten Stunde der Kirche aus einer bestimmten Situation heraus, die heute nicht mehr so gegeben ist, zur Dogmatisierung drängte. Und man wird auch zugeben müssen, dass manche Dogmen wegen dieser Zeitbedingtheit gar nicht die eigentliche Tiefe des Glaubens wiedergeben, gleichwohl aber in ihrer Zeit eine wichtige Bedeutung für die Erhaltung des wahren Glaubens hatten.

So sind also nicht alle Glaubenswahrheiten von gleichem Gewicht. Es ist nicht möglich, psychologisch und lebensgeschichtlich gesehen, dass ein Christ an allen Glaubenswahrheiten der Kirche stets gleichbleibend und unterschiedslos intensiv festhält. Offensichtlich gibt es in einer bestimmten Zeit der Kirche Plausibilitäten, die zu anderen Zeiten überhaupt kein Echo auslösen (die Verantwortung des Christen für die Schöpfung ist heute jedem plausibel, früher war dies kaum eine Frage).

So sind also nicht alle Glaubenswahrheiten von gleichem Gewicht

Man kann insgesamt sagen, dass gemessen an der Tatsache, dass es eine objektive Hierarchie der Wahrheiten in der Kirche gibt, und gemessen an der Glaubensgeschichte des Einzelnen, einzelner Gruppen und der ganzen Kirche eine Akzentuierung, Verlagerung, ein Verstummen und Untertauchen bestimmter Glaubenswahrheiten legitim ist, solange diese nicht ausdrücklich geleugnet werden oder das Fundament des Glaubens beeinträchtigen. Die kirchliche Glaubensüberlieferung, die uns die Entfaltungen des christlichen Glaubens weitergibt, von der der Einzelne seinen Glauben übernimmt, ist vom Auslegungsprinzip der Hierarchie der Wahrheiten her zu beurteilen. Gerade das Prinzip von der Hierarchie der Wahrheiten stellt eine große Hilfe auf dem Weg zur Einheit der christlichen Kirchen dar.

Es stand die Frage: Verdunstet unser Glaube?

Lässt es doch zu, dass der fundamentale Glaube der Kirche nicht nur auf eine bestimmte Tradition zurückgeführt werden muss. Vielmehr kann die eine Kirche die besondere Tradition der anderen als legitime Entfaltung der Offenbarung respektieren und anerkennen, auch wenn sie sie nicht für sich selbst übernehmen will. Dies gilt freilich nur, solange davon der fundamentale christliche Glaube nicht berührt wird. Was muss man glauben? Eine befriedigende oder direkte und konkrete Antwort kann man auf diese Frage nicht geben. Sie scheint weder möglich noch sinnvoll. Es kann nur darum gehen, den Glauben der Kirche zu bejahen, sich seiner fundamentalen Wahrheiten bewusst zu sein, sich jener einzelnen Glaubenswahrheiten und -sätze zu vergewissern, die das Ganze des christlichen Glaubens zu vermitteln im Stande sind, und anderen das gleiche vielleicht auf etwas andere Weise zuzugestehen. Und es wird immer darum gehen, in den lebendigen Interpretationsprozess des einen Evangeliums mit hinein zu tauchen und dabei jene Glaubenswahrheiten zu entdecken, die in unserer Zeit das Fundament des Glaubens zum Leuchten bringen. Dies bringt einen gewissen Pluralismus mit sich, den wir als Zeichen der Lebendigkeit des christlichen Glaubens verstehen dürfen und nicht als seine Bedrohung fürchten müssen, wenn wir darauf vertrauen, dass der Geist uns in alle Wahrheit einführen und uns alles lehren wird, was ER uns gesagt hat.

Im Arbeitskreis von Msgr. Siegfried Schindele stand die Frage „Verdunstet unser Glaube?" als Untertitel zur Disposition. Er fasst die Diskussion folgendermaßen zusammen:

An den Universitäten kommen Gott und Kirche fast nicht mehr vor. Wer sich als Glaubender zu erkennen gibt, wird zwar nicht bekämpft, aber belächelt. Die katholische Studentengemeinde wird oftmals mehr als „Markt der Möglichkeiten" erlebt, und das Verhältnis zu den Korporationen ist weitgehend sehr schlecht – viele Kommilitonen wenden sich zwar nicht von der Kirche ab, aber sie betrachten sie weitgehend nur als einen „Selbstbedienungsladen" bei Bedarf.

Wer sich als Glaubender zu erkennen gibt, wird zwar nicht bekämpft, aber belächelt

Zur Situation in den Vereinen: „Viele der jungen Aktiven sind nicht nur unterwegs in ihrem Glauben, sondern eher in einer Art Katechumenensituation. Ihr Wissen im Glauben und die Erfahrungen mit dem Glauben sind oft in den Anfängen steckengeblieben oder überhaupt nicht vorhanden." Bei einigen Korporationen spielt das Prinzip Religio nur eine Randrolle und erschöpft sich mit dem Besuch der als hochoffiziell angegebenen Termine. Manchen Gottesdienst an den Universitätsstädten empfinden die Studenten wie ein Ritual ohne Herz, ein Hersagen von Formeln, hinter denen persönlicher Glaube nicht erfahrbar ist. Die Aktiven unserer Korporationen erfahren also heute Kirche und Christsein in einer Art „Diaspora-Situation", deshalb ist zu überlegen, was gerade eine Verbindung tun kann, um auf diese Herausforderung unserer Zeit zu antworten.

Schritte dazu könnten sein, gerade den Aktiven erfahrbar machen, dass man zum Glauben Freunde braucht – allen Aktiven muss bewusst gemacht werden, dass man gerade im Glauben Wegbegleitung braucht. Innerhalb der Veranstaltung der Korporation muss bewusst das Gespräch über Gott und Fragen des Glaubens und der Kirche geführt werden – gezielte Vermittlung von Glaubenswissen ist unerlässlich; der neue katholische Erwachsenen-Katechismus könnte hier für die jungen Studenten ein wertvolles Arbeitsbuch werden. Das Angebot von Meditationen, Vorträgen, Gottesdiensten innerhalb der Verbindung, Wallfahrten und ähnliches soll das Gemeinschaftserlebnis von Glauben und Kirche vermitteln. Intensiv wurde dann noch darüber gesprochen, dass gerade das Bemühen um Religion innerhalb der verschiedenen Korporationen darunter leidet, dass die Aktivitas einer großen Fluktuation unterliegt und deshalb Angebote, die in einem Semester gut angenommen werden, bereits im nächsten Semester aus Mangel an Interesse abgesagt werden müssen.