Der KV und das Dritte Reich
Vom 13. bis 15. Januar 1989 fanden die 19. Würzburger KV-Tage, diesmal über das interessante Thema „Der KV und das Dritte Reich“, statt.
Es gibt Stimmen in unseren Reihen, die halten es für problematisch, Einzelheiten aus der fraglichen Geschichtsepoche, sofern der KV als Verband oder durch manche seiner Mitglieder in sie verwickelt war, Schwarz auf Weiß zu präsentieren und damit einem größeren Forum als Diskussionsstoff zu übergeben. Das könne schließlich auf betroffene Kartellbrüder verletzend wirken oder, sofern sie schon verstorben sind, ihrem ehrenden Gedenken Schaden zufügen; so war es auch am Rande dieser KV-Tage – merklich verhaltener und seltener als bisher allerdings – zu vernehmen. Ich respektiere die genannten oder ähnliche Befürchtungen an dieser Stelle, ohne sie mir inhaltlich zu eigen zu machen, und nenne darum hier keine Einzelheiten und Namen. Trotzdem werde ich angesichts dieser Scheu vor dem gestellten Thema vehement an Erfahrungen aus meinen ersten Semestern im KV erinnert. Wenn wir junge Aktive unsere Alten Herren nach Erlebnissen aus den Jahren 1933 und folgende fragten, dann verebbte so mancher Erzählfluss. Da gäbe es mehr zu berichten, und damit nach über 40 Jahren endlich, ernsthaft und vor dem Forum der KV-Öffentlichkeit, angefangen zu haben, verdanken wir den an den diesjährigen KV-Tagen beteiligten Kartellbrüdern.
Meines Erachtens waren die 19. Würzburger KV-Tage durch die Themenwahl und in der Atmosphäre, in der sie abgelaufen sind, ein eminent wichtiger Beitrag auch zum Jahresthema des Verbandes, der Kartellbrüderlichkeit. Kb P. Norbert Reus SAC, unser Verbandsseelsorger und stellvertretender Leiter der veranstaltenden KV-Akademie e. V., hat eigens in seinem Schlusswort zum Ausdruck gebracht, dass wir alle dankbar sein dürfen für die herzliche Offenheit und Bekenntnisbereitschaft der Redner und auch für das verständnisvolle Anhören ihrer Beiträge, dankbar sein dürfen für die Ruhe und das einfühlende Verstehen im Verlauf der Diskussionen. Nur in solcher kartellbrüderlichen Atmosphäre könne das Vertrauen wachsen, das, was die Zeitzeugen zu berichten haben, werde nicht gleich von den Nachgeborenen verdreht oder tendenziös ausgelegt, „ausgeschlachtet“ oder in persönliche Aversion
umgemünzt.
Die positiven Erfahrungen von Würzburg 1989 mögen eine weitere Ermutigung sein, in den einzelnen Vereinen mit dem Austausch von Erlebtem und Durchlittenem vor dem und während des „Tausendjährigen Reiches“ fortzufahren. „Was ich hier erzähle über meine Aktivenzeit in den Jahren 1933 und 1934, davon habe ich noch nie so deutlich und in aller Öffentlichkeit gesprochen“, bekannte ein Teilnehmer an der Podiumsdiskussion. Andere sprachen ebenso freimütig wie dieser zu ihrer Mitgliedschaft in dieser oder jener NS-Parteiorganisation, die übrigens je nach Zeitpunkt und Studienort als Voraussetzung für die Immatrikulation nachgewiesen werden musste. Einige Beiträge legten Zeugnis ab von der Begeisterungswelle, die die damalige nationale Bewegung anfänglich auslöste, auch bei Kartellbrüdern, und die diese mittrug.
Ein wichtiger Anfang jedenfalls ist gemacht worden. Es bleiben dankbare Erinnerungen an die Initiatoren, die KV-Akademie e. V. (Organisation vor Ort: Kb Klaus Gierse) und die Normannia, die den Mut zu dieser Themenstellung aufgebracht haben und zur Tat geschritten sind, und an alle Beteiligten, Referenten (besonders unser Gastreferent Prof. Dr. Heinz Hürten, Eichstätt) wie Diskussionsteilnehmer (darunter die Verbandsspitze des ÖKV); was bleibt, ist – so Gott will – ein kräftiger Impuls, in dem Bemühen um die Aufhellung unserer Verbandsgeschichte auf vielen Ebenen fortzufahren.
