Auf dem Weg in das dritte Jahrtausend
Welche Werte sind uns noch was wert?
Der Prozess des Wertewandels, der mit den Liberalisierungs- und Freiheitsbewegungen seit der Französischen Revolution einsetzte, hat auch die Wertvorstellungen über Familie und Ehe nicht unberührt gelassen.
Er erreichte in unserem Jahrhundert seinen Höhepunkt in den 60er und 70er Jahren, in denen sich die autonome Frauenbewegung und der Jugendprotest besonders artikulierten. Der dabei erfolgende Wertewandlungsschub brachte eine starke Betonung der Persönlichkeit, ihrer Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Im kirchlichen Bereich verliefen parallel dazu Entwicklungen, die zu einer Schwächung der Bindungen an die Werte und Normen der Kirche geführt haben. Die Entscheidung nach dem eigenen Gewissen wurde gegen die lehramtlichen Äußerungen der Kirche gestellt, gerade auch in Bereichen, die die Sexualität betreffen. Strukturelle Veränderungen in unserer Gesellschaft, insbesondere die Entstehung der Zwei-Generationen-Familie mit wenigen Familienmitgliedern, und die zunehmende außerhäusliche Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen, vor allem auch der verheirateten Frauen und der Mütter, beeinflussten die Funktionen von Ehe und Familie und förderten damit ihrerseits die Wandlungen der Wertvorstellungen im Bereich von Ehe und Familie. Im Zusammenhang mit dem Wertewandlungsschub der 60er und 70er Jahre ist gerade immer wieder die Bedeutung von Ehe und Familie als Institution infrage gestellt worden; letztlich sind Ehe und Familie – wenn auch mit gewissen Abstrichen – als Institution anerkannt geblieben. Ihre inhaltliche Ausdeutung hat sich allerdings verschoben und ihre Bindungskraft gelockert.
Die Arbeitsgruppe – in ihr waren vertreten: junge Kartellbrüder, verheiratete Kartellbrüder, z. T. mit ihren Ehefrauen, unverheiratete Kartellbrüder – manche davon Priester – nahm sich mit großem Engagement der Fragestellung an und erörterte die Problematik, mehr erfahrungsbezogen und weniger streng wissenschaftlich orientiert.
Heiraten – muss man das?
Man war sich einig, dass die Gruppe derer, die nicht ehelich zusammenleben, man in entsprechender Differenzierung sehen muss: Manche können ausbildungsbedingt noch keine Ehe eingehen; andere zielen eine Probeehe an, sind aber grundsätzlich zu einem Eheschluss bereit; etliche wollen sich auf keinen Fall institutionell binden und ohne „Trauschein“ mit dem Partner zusammenleben. Eine dabei vermutete unterschiedliche Situation zwischen Stadt und Land konnte von der Mehrheit der Arbeitskreisteilnehmer nicht bestätigt werden.
In der Untersuchung der Ursachen sollte eine wichtige Voraussetzung für die geforderte Stellungnahme geschaffen werden. Wichtig war dabei die Erkenntnis, dass sich die Entwicklung hin zu nichtehelichen Gemeinschaften umso leichter gestaltet, als die Umgebung ein „Klima“ zeigt, das einerseits die Abkehr von überkommenen Traditionen und Institutionen begünstigt und anderseits die Hinwendung zu den an der eigenen Person orientierten Interessen wie auch Privatisierungstendenzen fördert. Gleichwohl wurde aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Wert der Familie vielfach Anerkennung findet und ein Großteil der jungen Leute kein grundsätzliches Nein zur Ehe sagt.
Als ein für die Gesellschaft wie auch für den Einzelnen bedeutsamen Grundzug der Ehe zeigt sich ihre Ausrichtung auf Stabilität und Verlässlichkeit. Dieser Blick auf die gegenwärtige Realität veranlasste den Arbeitskreis auch zu der Überlegung: Die Ehe, in der man sich verlässlich und einmalig zu einem bestimmten Menschen bekennt, vermag gerade in der alle belastenden „Wegwerfgesellschaft“ und angesichts der Nivellierung des Menschen die Einmaligkeit des einen Menschen zu betonen, eben die Einmaligkeit des erwählten Partners, den zu entdecken, ein beglückendes, lebenslanges „Abenteuer“ sein kann. Vor allem wurde als eine unverzichtbare Botschaft an die heutige Gesellschaft erkannt, dass in Ehe und Familie Grundwerte des gesellschaftlichen Zusammenlebens eingeübt und als für alle wichtig öffentlich gemacht werden: Vertrauen, Toleranz, Rücksicht auf die Interessen des anderen.
Heiraten muss sein, wenn der eine Partner dem anderen ein Maximum an verlässlicher Menschlichkeit vermitteln will
Was der Arbeitskreis in seiner Stellungnahme zur eingangs gestellten Frage „Heiraten – muss man das?“ in seinen Überlegungen als Antwort einzubringen vermochte, war schließlich: Heiraten muss sein, wenn der eine Partner dem anderen wie auch den Kindern ein Maximum an verlässlicher Menschlichkeit vermitteln will. Ehe freilich verstanden als ein Geschehen dynamischer, aber dem Zufälligen entzogener Liebe, und nicht als eine starre Einrichtung, die nur auf rechtliche Statuten setzt.
Glauben ohne Kirche – geht das?
Viele unserer Zeitgenossen würden gern mit Jesus zu tun haben, einem Propheten in Wort und Tat. Aber die Kirche, Zweifel, Enttäuschungen, Verletzungen, der scheinbare Graben zwischen Christus und der Kirche, die Last äußerer Riten, die dunklen Schatten der Geschichte, die Kompromisse mit der Macht und mit dem Geld, die Hierarchie und das Volk der Christen, die oft so wenig christlich sind: so viel Zwiespältigkeit und Schwäche, aber auch voreingenommene Betrachtungsweisen und einseitige Urteile, die daran hindern, das wahre Gesicht der Kirche zu entdecken.
Sie ist gleichzeitig sichtbar und unsichtbar, menschlich und göttlich, Kirche auf Erden und Kirche, erfüllt von Gütern des Himmels. Niemand kann allein glauben und allein Christ sein; keiner kann sich das Evangelium selber sagen. Jeder ist darauf angewiesen, dass ihm der Glaube von anderen bezeugt wird und dass er von anderen in seinem Glauben getragen und gestützt wird. Jeder ist hineingenommen in die große Kette der Glaubenden und in die Zeiten und Räume umgreifende Gemeinschaft der Glaubenden. So hat Gott von Anfang an die Menschen nicht als einzelne versprengte gläubige Seelen berufen, sondern ein Volk gesammelt, in dem und durch das jeder Einzelne getragen wird und in dem er selbst die anderen trägt.
Folgende Probleme kamen zur Sprache:
- Kirche als „Gemeinschaft der Glaubenden“ und die sogenannte Amtskirche.
- Kirchensteuerpflicht als „sichtbares Zeichen“ der Verbundenheit mit der Kirche.
- Kann man fragen: „Was bringt mir die Kirche?“ im Sinne einer Gewinn- und Verlustrechnung?
- Welche Möglichkeiten zur Glaubensweitergabe gibt es?
- Problem von Lehrern und Katecheten, die sich nicht mehr mit der Kirche identifizieren.
- Wäre die „Laienpredigt“ eine Hilfe?
- Die Familie als wichtigster „Ort der Glaubensvermittlung“.
- Da die Generationen nicht mehr zusammenleben, schwindet der Einfluss der Großeltern.
- mmer noch gibt es eine gewisse „Sprachlosigkeit“ in religiösen Dingen, weil vielfach noch der Grundsatz gilt „Darüber redet man nicht, das tut man“.
- Der Einzelne trägt Verantwortung für sein Umfeld, dass Gottes Wort zirkuliert.
- Die Hauptsorge eines Bischofs muss sein, pastorale Wege aufzuzeigen und seine Mitarbeiter zu motivieren, dass Gottes Wort zirkuliert. Professor Knauer als Teilnehmer des Gesprächs brachte das Bild ein: Mit einer brennenden Kerze kann man unzählige Kerzen entzünden.
Kann man auch ohne Kirche Christ sein?
Ist es möglich, den Glauben unmittelbar von Jesus zu haben und dabei ohne die Kirche auszukommen? Verfälscht die Kirche die Botschaft Jesu? Oder ist umgekehrt die Gemeinschaft der Glaubenden, also die Kirche, die eigentliche „Sache Jesu“?
Die Weitergabe des Glaubens ist als die Mitteilung des Heiligen Geistes selbst Glaubensgegenstand
Aber wodurch lässt sich der Glaube von einer selbstgemachten Illusion unterscheiden? Dafür hängt alles davon ab, dass einem der Glaube von anderen Menschen bezeugt werden muss. Denn diesen Sachverhalt kann man nicht durch eigene Erfindung herstellen.
Jesus ist der historische Ursprung des Glaubens. An ihn als den Sohn Gottes glauben bedeutet, sich auf Grund seines Wortes mit ihm und um seinetwillen von Gott mit der Liebe angenommen zu wissen, in der Gott ihm zugewandt ist. Für Jesus selbst unterscheidet sich der Glaube dadurch von Illusion, dass sich andere Menschen seinem Wort nicht ohne Willkür versagen können. Dieser Sachverhalt ist auch Jesus vorgegeben.
Wer Jesus ist, kann man nur erkennen, wenn man seine Bedeutung für andere Menschen betrachtet. Weil die geglaubte Liebe Gottes zu uns nicht ihr Maß an uns selbst hat, können wir sie auch nicht durch Innenschau an uns selbst ablesen, sondern müssen sie in der Weise des Wortes von anderen Menschen mitgeteilt bekommen.
So „kommt der Glaube vom Hören“. Nichts kann geglaubt werden, worauf man von sich aus verfällt; aber auch keine Überlieferung kann für den Glauben verbindlich sein, deren Wahrheit anderer Erkenntnis als der des Glaubens allein zugänglich ist.
Die Glaubensgemeinschaft ist das Geschehen der Weitergabe des Glaubens. Die Weitergabe des Glaubens ist als die Mitteilung des Heiligen Geistes selbst Glaubensgegenstand. Man kann also nur in der vom Heiligen Geist erfüllten Gemeinschaft der Glaubenden selber glauben. Aber dieser Glaube will von jedem selbst verantwortet werden als seine Gemeinschaft mit Gott.
