Aufbruch im Osten – Herausforderung im Westen
... und der KV?
Nach gemeinsamer Heiliger Messe in der Hauskapelle der Erwachsenenbildungsstätte Münsterschwarzach, stieg man in den Referateteil der KV-Tage 1991 ein.
Die KV-Tage befassten sich unter dem Leitwort „Aufbruch im Osten – Herausforderung im Westen“ auch mit den Veränderungen in den Ländern Osteuropas. Es folgten zwei hochkarätige, engagierte Vorträge zu den Themen „Die Veränderung im Osten Europas – aus christlicher Sicht“ durch Prof. Dr. Rudolf Grulich, Institut für Kirchengeschichte von Böhmen, Mähren und Schlesien (Königstein/Taunus) und zur „besonderen Situation der katholischen Kirche in der ehemaligen „DDR“ durch H. H. Weihbischof Norbert Werbs, Schwerin.
Professor Dr. Rudolf Grulich rief in seinem Vortrag zur Solidarität „der Information, der Hilfe und des Gebetes“ auf. Derzeit gebe es eine „große Chance für echte Partnerschaft“ mit den Ortskirchen im Osten. Grulich kritisierte, die Kirche im Westen hätte in der Zeit der Repression gegen die Christen im Osten weitgehend geschwiegen: „Wir haben die Menschen der Entspannung und Ökumene geopfert“.
Wir haben die Menschen der Entspannung und Ökumene geopfert
Auch der „Gebetstag für die verfolgte Kirche“ sei außer in den Diözesen Würzburg und Stuttgart-Rottenburg „kaum eingehalten worden“. Grulich forderte die Katholische Kirche auf, jetzt „mehr Farbe als bisher zu bekennen“, um angesichts der Not im Osten „konkrete Hilfe“ zu leisten. Der Westen habe es aus Unwissenheit oder Blauäugigkeit versäumt, die unierte und katholische Kirche zu stärken. Die Gesamtentwicklung in der UdSSR gebe hinsichtlich ihres aktuellen Verlaufs und ihrer Perspektiven keinen Anlass zur Hoffnung, dass sich ohne Hilfestellung und Mitwirkung bei den Weichenstellungen seitens des „Westens“ die Lage zum Guten, zu Freiheit und Toleranz entwickeln werde.
Besonders beeindruckend war der Vortrag des Schweriner Weihbischofs N. Werbs. In schonungsloser Offenheit warnte er die Bürger der alten Bundesländer davor, sich Illusionen hinsichtlich der Aufgeschlossenheit der Bewohner der ehemaligen DDR für religiöse oder ideelle Werte zu machen. In einem durch und durch säkularen Staatswesen sei die Kirche zunächst durch offene Anfeindung, dann zunehmend durch Versuche der Unterwanderung ins Abseits gedrängt worden. Der Bildungsstand hinsichtlich christlicher Werte und Traditionen sei – bei einer niedrigen Quote an Getauften – erschreckend. So habe ihm ein Schüler auf die Frage, wen denn der Kruzifixus darstelle, die – durchaus ernst gemeinte – Antwort gegeben: „Das muss wohl Spartakus sein“.
Für die Katholische Kirche in den neuen Bundesländern ist jetzt „sensible Hilfe“ notwendig
Die Kirchen beider Konfessionen hätten als partiell staatsfreier Raum bei der friedlichen Revolution eine Katalysator-Rolle gespielt. Mittlerweile sei ihre gesellschaftliche Bedeutung wieder zu der einer Randerscheinung zusammengeschmolzen.
H. H. Weihbischof Werbs forderte in seiner Rede, für die Katholische Kirche in den fünf neuen Bundesländern sei jetzt „sensible Hilfe“ notwendig. Kleine, in der extremen Diaspora bewährte Dinge sollten erhalten werden. Der bloße Export westlicher Modelle führe zu „Irritationen“, sagte Werbs vor etwa 80 Studenten und Akademikern aus der ganzen Bundesrepublik.
Zur Lage der Katholischen Kirche in der ehemaligen DDR sagte Werbs, die „geschlossene Front“ gegen den SED-Staat habe eine „Ghetto-Mentalität“ erzeugt. Aus dem langjährigen gesellschaftlichen Abseits der Katholiken erwüchsen jetzt auch „Reserven“ gegen den neuen Staat. Dennoch seien überdurchschnittlich viele Katholiken, da „unbelastet“, in öffentlichen Ämtern tätig.
Die Laienarbeit ist nach dem Krieg in der DDR nicht mehr auf die Beine gekommen
Die Zerstreuung der Katholiken im Land – maximal fünf Prozent der Menschen in den neuen Bundesländern sind katholisch – hat nach Werbs Worten zu starker Konzentration auf die Geistlichen geführt.
Die Laienarbeit sei nach dem Krieg in der DDR „nicht mehr auf die Beine gekommen“. Ohne Pfarrer „läuft in vielen Gemeinden nichts“, beschrieb der Weihbischof die Konsequenz. Das Problem sei nun, Laienaktivitäten zu fördern, ohne die Laien zu „bemuttern“.
Die Einführung überpfarrlicher Verbände nach dem Muster westdeutscher Diözesen stößt bei Teilen der Bischöfe und der Pfarrer in der früheren DDR auf Reserven. Weihbischof Werbs begründete dies mit der Sorge um das Gemeindeleben in den oft sehr kleinen Pfarreien. Das Reservoir für Ehrenamtliche sei gering. Verbände, aber auch „geistliche Bewegungen“ holen nach seinen Worten die aktiven Katholiken aus den Gemeinden und „entkernen“ so die Pfarreien. Die Diözesen und Jurisdiktionsbezirke in der Ex-DDR kämpfen nach den Worten von Werbs derzeit mit Personal- und Finanzproblemen.
Katholiken fehlen in Führungs-, Rechtspflege- und Lehrberufen. In Mecklenburg gebe es allein 250 Grundschulen, aber nur 40 katholische Lehrer. Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an allen Schulen nach West-Vorbild sei daher nicht zu realisieren. Im Finanzbereich bedrücken die kirchliche Verwaltung derzeit explodierende Lohnkosten bei sinkenden Einnahmen. In Schwerin rechnet man für dieses Jahr mit einem Drittel der Einkünfte von 1989. Viele Katholiken zahlen als Durchschnittsverdiener überhaupt keine Kirchensteuer, führte Weihbischof Werbs aus. Die Kirche könne wegen fehlender personeller und finanzieller Mittel keine sozialen Projekte übernehmen oder Schulen gründen.
Werbs sagte, die Bevölkerung sei durch die Folgen der Einheit verunsichert. Er konstatierte einen „um sich greifenden Nihilismus“, gespeist aus dem Verdacht, von allen betrogen zu werden. Die einzigen Ziele seien vielfach nur Konsum und besseres Leben.
Es ist ein schwerer Fehler, Religiöses und Kulturelles für verzichtbar zu halten
Auf kritische Anfragen räumte der Weihbischof ein, die Kirche bemühe sich zu sehr um die Bewahrung des Bestandes und lasse „aktive Missionsvorstöße“ vermissen. „Rezepte“ für eine Evangelisierung könne er allerdings auch nicht geben.
Der frühere Staatssekretär in der Kulturverwaltung des Senats von Berlin, Lutz von Pufendorf, gab in seinem Referat der Kirche den Rat, sich in ihrer Selbstdarstellung dogmatisch und pastoral der jeweiligen Gesellschaft zu stellen. Kirche und Kultur hätten die „Stille Revolution“ stark bestimmt, jetzt drohe die Diskussion sich auf finanzpolitische Fragen zu verengen. Als „schweren Fehler“ bezeichnete es von Pufendorf, Religiöses und Kulturelles für verzichtbar zu halten. Der Erfolg des Einigungsprozesses hänge wesentlich von einem intakten kulturellen Geflecht ab. In einer Zeit ohne materielle Not sei es beschämend, wenn behauptet werde, man könne sich Kultur nicht leisten.
Wenn H. H. Weihbischof Werbs feststellt, dass es keine Wende zu Jesus Christus war, was uns in den vergangenen Monaten bewegt hat, so ist dies uns, im Kartellverband, in den Aktivitates eine Aufforderung Gemeinde im urchristlichen Sinn zu sein und christliche Werte und vor allem christliche Glaubensinhalte in unsere Gesellschaft hineinzutragen.
Dieses Seminar hat gezeigt, dass wir im KV bereit sind, unsere gesellschaftlichen Aufgaben wahrzunehmen und kritisch engagiert an der Gestaltung Europas im Zeichen unserer Prinzipien mitzuwirken. So zählte die Teilnehmerliste zu Ende des Seminars 62 KbKb, Damen und Gäste, die alle zum Erfolg dieses Seminars beigetragen haben.
