Glaubensunfähigkeit und Glaubenssehnsucht

Etwa 60 Kartellbrüder, diesmal mehr Aktive als Alte Herren, kamen in diesem Jahr in die Erwachsenenbildungsstätte „Klaus von Flüe“ nach Münsterschwarzach, um dort vom 8. bis 10. Januar die „23. Würzburger KV-Tage“ zu erleben.

Unter den Teilnehmern konnte Tagungsleiter Kb Klaus Gierse (Rh-E, Nm-W) auch den „Vater“ der Würzburger KV-Tage, Kb Fred Krämer (Nm,-A-Me), begrüßen. Sie behandelten in diesem Jahr das Thema „Glaubensunfähigkeit und Glaubenssehnsucht – Jugend und Religion heute“.

Grundlage und Ausgangspunkt für die lebhaften Diskussionen der Tagungsteilnehmer waren drei Referate. Im ersten gab Kb Prof. Dr. Schreckenberg (Sv, E d Car-F, E d Un) einen Überblick über die Ergebnisse der Jugendforschung zum Thema „Jugend und Religion“. Den Inhalt seines Referates fasste er in folgenden Thesen zusammen: Das Thema „Jugend und Religion“ wird seit zwei Jahrzehnten in der Forschung unter den verschiedensten Aspekten behandelt und untersucht. Vor allem die religionssoziologische Forschung hat es unter dem Aspekt der Säkularisierung untersucht.

Deutschland ein heidnisches Land mit christlicher Vergangenheit

In den Untersuchungen über die Säkularisierung der Gesellschaft ist Kirchlichkeit ein wichtiger, aber nicht der einzige Forschungsgegenstand. Die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung legen den Schluss nahe, dass „Deutschland ein heidnisches Land mit christlicher Vergangenheit und christlichen Restbeständen ist“ (Karl Rahner). Eindeutig feststellbar ist jedenfalls eine tendenzielle Abnahme institutionalisierter Kirchlichkeit und eine tendenzielle Zunahme „außerkirchlicher“ Religiösität.
Der Grad der Kirchenferne ist unter den Jugendlichen der neuen Bundesländer deutlich höher. Dem unspektakulären „Verdunsten“ des Christentums entspricht auf der anderen Seite die Offenheit für neue (bzw. alte) religiöse und quasireligiöse Angebote. Auch die Glaubenshaltungen und Überzeugungen nicht-kirchlicher Jugendlicher sind Gegenstand der Forschung. In ihren Verhaltensmaximen unterscheiden sich aktive junge Christen deutlich von den übrigen jungen Leuten. Sie fühlen sich insbesondere stärker der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Sie halten Bescheidenheit und Höflichkeit für wichtig.

Die gegenwärtige religiöse Situation der Jugendlichen ist vor allem aus einem Wertewandlungsprozess entstanden, der Mitte der 60er Jahre begonnen hat und in allen westlichen Industriegesellschaften erkennbar wurde. Dieser Prozess führte zu einem Rückgang der „Pflicht- und Akzeptanzwerte“ und gleichzeitig zu einem Anstieg der „Selbstentfaltungswerte“. Der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart, der Entdecker des Wertewandlungsprozesses, stellt eine generelle Abnahme religiöser Überzeugungen in den entwickelten Industriegesellschaften des Westens fest. Die Ursachen dafür sieht er u. a. darin,

  • dass die zunehmende Lebenssicherheit fixierte und dogmatisierte Normensysteme mehr und mehr überflüssig macht;
  • dass die familienerhaltende Funktion vieler religiöser Normen wegen der sozialen Institutionen und der mit ihnen gegebenen Garantie des sozialen Überlebens überflüssig geworden sind;
  • dass die Alltagserfahrungen in den 2000 Jahren seit der Geburt Christi sich drastisch verändert haben. Der Computer, nicht der Schafhirte prägt sie. Wir leben mehr und mehr in einer vom Menschen statt von der Natur geprägten Umwelt. Selbstverwirklichung als individuelles Streben nach Glück scheint die zentrale Mitte des Wertehaltungskosmos junger Menschen zu sein. Diese Haltung äußert sich vor allem in wachsenden Konsumansprüchen. Das moralische Leitbild der jungen Generation könnte man bezeichnen als die „gelebte Individualität in ihrer Unverwechselbarkeit. Dazu bedarf es vor allem „echter Freundschaft“.

Auch im Wertewandlungsprozess erfolgte kein Religionsverlust im fundamentalen Sinne des Wortes. Es zeigte sich vielmehr ein zunehmendes „Abbröckeln“ der Beziehungen zur Organisations- und Institutionenwelt der Kirche. Die innere Bindung an Kirchliches schwindet nicht so stark wie der Kirchenbesuch. Weniger der Inhalt der Botschaft als die Art der Beziehung, die sie zum anderen Menschen aufbaut, steuert die Aufnahme der Botschaft.

Die christliche Sozialisation, d. h. jener Vorgang, durch den ein Heranwachsender in die Gemeinschaft der Christen eingeordnet und mit Verhaltensmustern ausgestattet wird, die es ihm erlauben, sich in Kirche und Gesellschaft glaubenskonform zu verhalten, wird immer seltener. Die klassischen Voraussetzungen religiöser Sozialisation: die homogene Gemeinde, die religiös orientierte Familie, ein soziales Netz, in dem Religion und kirchliche Bindung eine Bedeutung haben, werden durch die soziale Mobilität und durch Änderungen der Lebens- und Kommunikationsgewohnheiten in ihrer Bedeutung relativiert, aufgelöst oder auch dysfunktional für den Wunsch, sich an säkularen Werten zu orientieren.

 

Die Wurzel der Krisenerscheinungen in unserer Kirche liegt in einer Vertrauenskrise

Die Ablehnung des institutionellen Christentums resultiert aus einer zunehmenden Skepsis, einem zunehmenden Misstrauen gegen alles, was Einbindung in eine Institution mit hohem Anspruch an das eigene Ich bedeutet. Kb Prof. Dr. Schreckenberg schloss seine Ausführungen mit folgenden Gedanken: „Die Wurzel der Probleme, die sich gegenwärtig für unsere christlichen Kirchen stellen, scheint mir in einer Vertrauenskrise zu liegen. Der Mangel an Vertrauen, den gerade Jugendliche den Institutionen und den mit ihnen gegebenen Autoritätsansprüchen entgegenbringen, die sich ihnen gegenüber breit gemacht hat und macht, ist sicher zum Teil das Ergebnis des eben gezeichneten Prozesses der Enttraditionalisierung und Subjektivierung des Denkens und Handelns unserer Zeit, zum anderen und wohl gewichtigeren Teil aber ist er wohl das Ergebnis eines Sozialisations- und Erziehungsprozesses, der in immer stärkerem Maße die formende Kraft der frühkindlichen Erziehung, vor allem des Elternhauses, vernachlässigt. Die Zukunft der Christenheit und unserer Kirche wird sicher nicht zuletzt davon abhängen, ob es gelingt, die Einbindung und das Eingebundensein in diese Ordnung unseren Jugendlichen durch unser eigenes Verhalten so nahezubringen, dass sie das Vertrauen zu dieser gottgesetzten Ordnung und zu uns, die wir für uns den Anspruch erheben, in ihr zu leben, zurückgewinnen – in der Tat eine Aufgabe und ein Ziel, das göttlicher Hilfe bedarf. Bitten wir darum!“

Der zweite Referent Pfarrer Heribert Hallermann von der Zentralstelle Bildung bei der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn forderte unter Hinweis auf fehlende Konzepte für das Hochschulpastoral für hauptamtliche Laien „eine befriedigende Aufgabenbeschreibung und Ausgestaltung ihrer Stellen“. Er bedauerte, dass es bisher für die Hochschulpastoral nur Empfehlungen der Bischofskonferenz gebe. Seiner Meinung nach sind in diesem Zusammenhang Konflikte nicht auszuschließen, da die Arbeit entscheidend von den dort hauptamtlich Tätigen geprägt werde, die ihre eigenen Konzepte entwickeln müssten. Er warnte davor, dieses Betätigungsfeld „Exoten“ zu überlassen. Wenn alles so weitergehe wie bisher, laufe die Hochschulpastoral Gefahr, ihren Anspruch, Kirche an der Hochschule zu sein, nicht einlösen zu können. Es würde zunehmend schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter für diesen Bereich zu gewinnen.

Wegen der steigenden Zahl von verheirateten Studenten und Studentinnen sowie „Pendlerstudenten“ müsse die Hochschulpastoral darauf achten, dass sie dem Interesse der jeweiligen Gruppe Rechnung trage. Hallermann plädierte dafür, Partner- und Eheberatung bei der Arbeit einzubeziehen und für Kinder von Studenten und Studentinnen Tageseinrichtungen anzubieten.

Wissenschaftliches Studium nicht mehr einer Minderheit und Elite vorbehalten

Er fasste seine Ausführungen in folgenden Thesen zusammen: Hochschulpastoral muss sich künftig der Tatsache stellen, dass das wissenschaftliche Studium nicht mehr einer kleinen Minderheit und Elite vorbehalten ist. Hochschulpastoral als Standesseelsorge kann nicht mehr greifen. Zukünftig dürfte eher der berufsethisch-orientierende Beitrag der Hochschulpastoral gefragt sein. Angesichts der zunehmenden Zahl von verheirateten Studierenden – zum Teil mit Kindern – muss Hochschulpastoral überprüfen, ob und inwieweit sie den diakonischen Anteil ihrer Tätigkeit verstärkt und Partner- bzw. Eheberatung und Tageseinrichtungen für Kinder anbietet. Wo studentisches Milieu nur noch sehr schwer entsteht und es immer mehr Pendlerstudenten gibt, muss Hochschulpastoral überlegen, wie sie die Studierenden erreicht, die nicht am Studienort wohnen.

Kb Prälat Siegfried Schindele, einer unserer Verbandsseelsorger, der die Diskussion leitete, konnte zum Abschluss der Tagung feststellen, dass Referate und Diskussionen die Sorgen der Kirche deutlich gemacht hätten. Sie hätten aber auch dazu beigetragen, die Situation unseres Verbandes und mancher Korporationen im Hinblick auf unser erstes Prinzip verständlich zu machen. Es bleibt unsere ständige Aufgabe, dieses erste Prinzip als die entscheidende Grundlage unseres Bundes ständig bewusst zu halten, es zu leben – und vorzuleben!

Der besondere Dank aller an der Tagung Beteiligten galt schließlich dem Tagungsleiter, Kb Klaus Gierse (Rh-E, Nm-W), dessen unermüdliches Bemühen um das Wohl der Tagungsteilnehmer durch die vorzügliche Organisation und den freundschaftlichen Geist in allen Gesprächen der Veranstaltung belohnt wurde.