Auswege – Wege ins Aus?

Religiöse und pseudoreligiöse Bewegungen

Im Rahmen der diesjährigen Würzburger KV-Tage stand das Thema „Auswege – Wege ins Aus? Religiöse oder pseudoreligiöse Bewegungen“ auf dem Programm. Den Hintergrund dieser Thematik bildet die sich verstärkende Suche des Menschen nach Orientierungspunkten in einer sich mehr und mehr komplizierenden und damit unüberschaubaren Welt. Eine scheinbare „Antwort“ sehen dabei immer mehr Menschen in der Hinwendung zu pseudoreligiösen Bewegungen, die durch eine fundamentalistische Ausprägung Sicherheit zu bieten scheinen.

Nach der Begrüßung durch Tagungsleiter Kb Klaus Gierse sprach Prof. Dr. Wolfgang Beinert, Regensburg, zum Thema „Was ist Fundamentalismus?“. Fundamentalisten und Nicht-Fundamentalisten unterschieden sich nicht durch das Bekennen zu letzten Grundsätzen, sondern dadurch, dass der Fundamentalist eine bestimmte Form der Letztgrundsätze für allgemeingültig erkläre und alle anderen ablehne. Fundamentalismus im heutigen Sinne, so Beinert, sei eine Art der Protesthaltung, die aus der psychologischen Grundhaltung der Angst resultiere, der Furcht vor dem „Dammbruch“.

Der Samstag begann mit einem weiteren Vortrag von Prof. Beinert, der sich diesmal mit „Fundamentalismus und christlicher Botschaft“ auseinandersetzte. Da der Fundamentalist traditionalistisch denke, hält er an einem Lehrsystem fest, welches auf Einzelsätze fixiert sei und die Vermittlung der christlichen Botschaft aus neuen Denkformen heraus ablehne. Bereits Thomas von Aquin hätte erkannt, dass „der Akt des Glaubenden sich nicht auf den Glaubenssatz richte, sondern auf die Sache, die er meint.“ Auf diese Weise könnten sich Lehrsätze ändern, ohne dass der Inhalt berührt werde.

Nach Referat, Diskussion und Mittagessen stand ein Rundgang durch den mittelalterlichen Weinort Volkach auf dem Programm, um sich an der frischen Luft auf den kommenden Vortrag des „Sektenbeauftragten“ des Bistums Aachen, Kb Dr. Hermann-Josef Beckers, vorzubereiten.

Kb Dr. Beckers begründete den starken Zustrom zu pseudoreligiösen Vereinigungen mit der Problematik der fehlenden Wegweisung. Seines Erachtens sei es im Laufe der Zeit zunehmend schwieriger geworden, der Jugend eine gehbare Richtung aufzuzeigen, da man selbst kaum noch in der Lage sei, die Übersicht in einer immer komplexeren Gesellschaft zu behalten. In einer Zeit des schnellen Wandels stelle sich die Frage, was man unter gehbaren Wegen überhaupt verstehen will. Konventionen, welche gestern noch als unerschütterlich und unwandelbar galten, seien heute aufgrund der Anforderungen der Umwelt auf den Prüfstein zu stellen. Diese Anforderungen bedingten sich aus den Faktoren der sozialen Umwelt. Auch die Funktionalisierung, welche den Menschen zum Aufgabenträger reduziere, habe eine zunehmende Anonymität zur Konsequenz mit der Folge der Individualisierung, welche der Gemeinschaft als eine ablehnende Haltung gegenübertrete.

Nach dem Besuch des sonntäglichen Konventamtes der Benediktiner bot uns Kb Dr. Beckers einen interessanten Einblick in die Welt der Sekten, in den „Zoo der Exoten“, deren Zahl, Struktur und Inhalte nur schwer zu überschauen seien. Die Palette reiche von Sekten mit einem relativ kleinen Wirkungskreis bis hin zu weltweit agierenden Organisationen wie z. B. „Scientology“. Der Referent analysierte zunächst Aufbau und Vorgehensweise, um dann zum inhaltlichen Aspekt überzugehen. Abschließend darf wohl im Namen aller Teilnehmer nicht nur den Referenten, sondern auch Kb Klaus Gierse herzlich für diese hervorragende Veranstaltung gedankt werden, da es in Münsterschwarzach wieder gelang, alle drei KV-Prinzipien zur Geltung zu bringen.