Der Mensch als neuer Schöpfer?

Weit mehr als 100 Teilnehmer, darunter Aktive aus 44 Korporationen, erlebten in der Zeit vom 6. bis 8. Januar 1995 im Würzburger Burkardushaus die 25. Würzburger KV-Tage, die in diesem Jubiläumsjahr Fragen des Widerstreits von Naturwissenschaft und Glauben unter der Überschrift „Der Mensch als neuer Schöpfer?“ zum Thema der Referate und Diskussionen machten.

„25 Jahre Würzburger KV-Tage“ – das bedeutete, wie der Leiter der KV-Akademie, Kb Gerhard Rastetter, in einem Rückblick auf diese Jahre betonte, die ständige wache Bereitschaft des KV, sich den drängenden Fragen der Zeit in Kirche, Gesellschaft und Staat zu stellen und an ihrer Lösung mitzuarbeiten. Die Themen aller dieser Würzburger KV-Tage und ihre Ergebnisse waren und sind ein Beweis für dieses Bemühen und auch für die Kompetenz unseres Verbandes, sich mit aktuellen Zeitproblemen kundig und engagiert auseinanderzusetzen.

Es begann mit der Vorführung eines Filmes aus der Reihe „Die zehn Gebote“ des berühmten polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski und einer Kommentierung seiner Probleme durch Kb Werner Häußner (Nm-W, Ru-Ke).

Dekalog 1 – Du sollst keine anderen Götter neben mir haben

In dem sehr eindrucksvollen Film ging es um die Frage, wie das aufgeklärte, wissenschaftsgläubige Bewusstsein mit dem Einbruch des Nichtberechenbaren fertig wird. Ein Computerexperte, für den sein Computer der Schlüssel zur Welt und allen ihren Geheimnissen ist, verliert seinen Sohn durch einen tragischen Unglücksfall. Der Computer, sein „Ersatzgott“, kann ihm weder den Sinn dieses für ihn völlig sinnlosen Geschehens vermitteln, noch vermag er in der Beschäftigung mit ihm Trost in seiner Trauer zu finden. Die Ratio und ihre Möglichkeiten, das Leben und die Welt zu entschlüsseln, erweist sich diesem Zugriff des Irrationalen gegenüber als machtlos.

Der Film löst die Probleme, die er aufwirft, nicht. In langen Sequenzen zeigt er die ratlosen und verzweifelten Gesichter der betroffenen Eltern. Aber er gibt Denkanstöße, die in der nachfolgenden Diskussion aufgegriffen und in ihrer unmittelbar existentiellen Bedeutung aufgewiesen wurden. Viel Nachdenklichkeit war das Ergebnis – ein gelungener Auftakt für alles Folgende.

Gezeugt – nicht geschaffen

Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling, Rechtsmediziner in Erlangen, behandelte unter dieser Überschrift das Problem der Weitergabe des menschlichen Lebens. Er machte deutlich, dass jede „Verzweckung“ der Zeugung menschlichen Lebens, also von Kindern, die Würde des Menschen gefährde. Die Gefahr der Verzweckung, der Planung von Kindern, ergibt sich seiner Auffassung nach zwangsläufig, wenn man mit dem Zeugungsakt von der „paradiesischen Absichtslosigkeit“ abweicht und an ihre Stelle eine „Zeugung nach Plan“ setzt, die im Kind nicht ein gottgeschaffenes Wesen mit der so gegebenen Würde, ein „Jemand“ sieht, sondern ein „Etwas“, ein Instrument für Zwecke sieht, die durch das Kind erreicht werden sollten.

Wuermeling betonte diesen Aspekt der Absichtslosigkeit der Zeugung mit Nachdruck: das Kind muss um seiner selbst willen angenommen werden, fraglos, ohne jede Bedingung eines „nur wenn...“. Diese Bedingungslosigkeit der Annahme allein macht es zu einem Wesen, das selbst im Urvertrauen die Welt annehmen kann. Das inhaltsreiche Referat wurde lebhaft diskutiert. Die Aspekte der Gewissensbindung verantwortungsbewusster Elternschaft und des „Rechtes der Kinder“ gegenüber der „Fremdbestimmung“ in der Erziehung kamen ebenso wie die Probleme der medizinischen Ethik und der Ausbildung der Ärzte darin in der Diskussion zur Sprache.

Bilder von Gottes Schöpfung – eine Aufgabe für die Naturwissenschaft

So lautete das Thema des Referates von Kb Prof. Dr. Peter Beckmann (Kett), Lehrstuhlinhaber für Theoretische Physik an der Universität Mainz. Es ging darin zentral um methodische Fragen der Naturwissenschaft und um die Probleme, die dadurch im Hinblick auf die Frage nach der „Wahrheit“ entstehen. Welche Qualität Aussagen der Naturwissenschaft haben, welche Aufgaben der Naturwissenschaftler für den hat, der an Gott als den Schöpfer der Natur glaubt, welches das „richtige“ Bild von der Natur ist – das waren Fragen, die in der Diskussion gestellt wurden und um deren Beantwortung sich Referent und Teilnehmer bemühten. Dieses Thema mit dem Untertitel „Visionen von Kirche und Glauben für das dritte Jahrtausend“ behandelte in einem eindrucksvollen Vortrag Prof. Dr. Paul M. Zulehner von der Universität Wien beim Jubiläumsfestakt der Würzburger KV-Tage in der Aula der Universität, wo der verdienstvolle Leiter der Würzburger KV-Tage Kb Klaus Gierse, Vorsitzender des Altherrenbundes des KV, außer einer großen Anzahl von Kartellbrüdern Gäste aus dem Würzburger Domkapitel, der Universität, den befreundeten studentischen Verbänden, der KDA und der Presse begrüßen konnte.

 

Von der Möglichkeit, in der Zukunft Christ zu sein

Prof. Zulehner kennzeichnete den gegenwärtigen Zustand der Kirche als eine Zeit des Übergangs: „Die Schöpfung seufzt und liegt in Geburtswehen.“ Kennzeichen dieses Zustands sind ein Mangel an verlässlicher Gemeinschaft und die Sehnsucht nach ihr, ein Mangel an Gerechtigkeit und der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit, ein Mangel an Sinn und die Suchbewegung nach Sinn.

Die Kirchenvision der „umgewandelten Schöpfung“ – Zulehner leitete sie aus dem Alten und dem Neuen Testament ab – als Antwort auf diese Sehnsüchte weist auf ein neues Miteinander, ein neues Füreinander und auf die Kraft der Mystik hin. Zulehner entfaltete das Bild einer in diesem Sinne umgewandelten Schöpfung anhand zahlreicher Beispiele und stellte die Aufgabe des Christen darin dar. „Christ zu werden und bleiben zu können ist eine eigene, nicht machbare Berufung, die ‚geistliche‘ Berufung (deshalb sind alle ‚Geistliche‘) dazu, in die Reich-Gottes-Bewegung Jesu einzutreten und darin jetzt schon Spuren des Himmels auf Erden zu verorten. Der Christ und mit ihm seine Kirche ist daher ein Stück umgewandelte Schöpfung. Sie sind das als Sakrament des universellen Heils. An ihnen wird sichtbar, was Gott mit allen vorhat und unbeirrbar treu wirkt.“ Er schloss mit den Worten: „Der Weg zu einer solchen christlichen Lebensgestalt führt über Wandlung. Deshalb ist die Mitte des christlichen Lebens die Feier der Eucharistie.

Ein weiterer Höhepunkt des Festaktes war die Ernennung von Kb Fred Krämer zum 5. „Ältesten des KV“ durch den Vorsitzenden des KV-Rates Kb Dr. Wolfgang Löhr.

Der neue KV-Rat, der bereits im vergangenen Jahr einen Kartellbruder mit der Würde des Ältesten ausgezeichnet hat, war sich schnell einig, dass auch Kb Fred Krämer auf diese Weise ausgezeichnet werden musste. Und so wurde er der Fünfte, dem diese Auszeichnung verliehen wird.

Die Würzburger KV-Tage haben den KV nachhaltig geprägt

Die Verdienste Kb Fred Krämers in wenigen Sätzen zusammenzufassen, ist nicht möglich. Nur soviel sei gesagt: Ihm verdanken wir maßgeblich mit, als unser Verband, der zu Ende der 60er Jahre zu zerbrechen drohte, dass der KV die Krise überdauert hat.

Zu den vielen in die Zukunft weisenden Projekten, die Kb Fred Krämer realisiert hat, gehören die Würzburger KV-Tage, die heute zum 25. Mal abgehalten worden sind, sie haben den KV, der hier Jahr für Jahr über Kirche, Staat und Gesellschaft nachdenkt, der von hier die Würzburger Synode mit Diskussionsbeiträgen begleitet hat, nachhaltig geprägt. Sie haben mit dazu beigetragen, dass der KV ein unverkennbares Profil als ein in der Kirche beheimateter, sie aber auch kritisch begleitender Verband gewonnen hat. Diese Initiative, die von Kb Fred Krämer ausgegangen ist, zählt zu den Pluspunkten, warum viele Kartellbrüder dem KV verbunden geblieben sind.

Nicht unerwähnt bleiben darf aber auch die Gastfreundschaft der Würzburger Kartellbrüder, die mit dem Philistersenior des KStV Walhalla, Kb Dr. Wolfgang Wagner, an der Spitze abends in dem schönen Haus des KStV Walhalla für die richtige kartellbrüderliche Stimmung sorgte.