Der Sozialstaat auf dem Prüfstand
Das Thema der Würzburger KV Tage, die vom 5. bis 7. Januar 1996 stattfanden, war in diesem Jahr besonders aktuell: Der Sozialstaat, seine Möglichkeiten und Grenzen wurden intensiv in Referaten und Diskussionen behandelt. Die große Zahl der Teilnehmer, darunter erfreulich viele Aktive, ließ schon erkennen, daß es bei diesem Thema um mehr ging als bloß intellektuelle Bewältigung eines komplexern Problembereiches. Es ging – und viele Diskussionsbeiträge machten das deutlich – um Handlungsmöglichkeiten, um die entscheidenden Motivationen dazu und um Einsicht in die Grenzen staatlichen Handelns bei der praktischen Bewältigung der schwierigen Situation unseres Landes.
Nachdem der Philistersenior der KStV Walhalla uns auf deren Haus begrüßt und uns in wenigen Worten über das Domizil informiert hatte, konnte das erste Referat beginnen. Herr Willibert Kurt, Geschäftsführer des Bundes katholischer Unternehmer e. V (BKU), hielt seinen Vortrag „Schafft der Sozialstaat Gerechtigkeit?' in Vertretung für die Vorsitzende, Frau Mechthild E. Löhr. Der Referent zeigte den zahlreichen Zuhörern die Problematik des Sozialstaates auf. Wen die Diskussion im Anschluß an den Vortrag nicht befriedigt hatte, fand bei dem geselligen Beisammensein auf dem Haus der KStV Walhalla die Möglichkeit zur Vertiefung der Thematik. Wann die Letzten die Runde aufgelöst haben, kann ich leider nicht mehr sagen, denn da war ich bereits in das Reich der Träume entschwunden. Am Samstagmorgen nach dem Frühstück wartete auf uns der nächste Programmpunkt. Prof. Dr. Max VVingen, Mitglied des Präsidiums des Familienbundes der deutschen Katholiken, referierte über „Die Familie als Verlierer im Sozialstaat?". Nach kurzer Pause trafen wir uns wieder im Kneipsaal zu dem Vortrag von Kb Prälat Heinrich Festing (Ttg), Generalpräses des Kolpingwerkes zum Thema „Ist unser soziales Engagement ausreichend?" Anhand von Zahlen wurden den Zuhörern die Projekte und Aktivitäten des Kolpingwerkes nahegebracht. Für das Kolpingwerk läßt sich sagen, daß es sehr großes soziales Engagement zeigt, aber was ich und auch andere vermißt haben, ist eine Antwort auf die Frage: Was ist mit uns und anderen sozialen Einrichtungen? Leider konnte diese Frage nicht geklärt werden, denn aufgrund der weit fortgeschrittenen Zeit – die Heilige Messe im „Käppele" stand auf dem Programm – mußte die Diskussion entfallen.
„Leben wir über unsere Verhältnisse?" – eine Antwort darauf versuchte uns Karl Nothof, Vorsitzender des Bundesverbandes der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung zu geben. Leider blieben auch hier, zum Bedauern einiger Anwesender, viele Fragen unbeantwortet. Direkt im Anschluß daran folgte nun der für alle wahrscheinlich interessanteste Teil des ganzen Wochenendes: die Podiumsdiskussion mit den Tagungsteilnehmern unter dem Motto: „Entmündigung der Bürger durch den Sozialstaat?" Gräfin G. Plettenberg, Karl Nothof, Willibert Kurt und Matthias Möhring-Hesse stellten sich der Diskussion, dessen Moderation Martin Lohmann, stv. Chefredakteur des „Rheinischen Merkur", innehatte. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß alle im Grunde genommen mit denselben Begriffen arbeiteten, aber diese mit anderen Inhalten füllten. Schlagworte waren z. B. „Eigeninitiative", „Solidarität", „neue, unkomplizierte Wege gehen", „Eigenverantwortung".
Im Abschlußgespräch am Sonntagmorgen zogen alle, Bilanz über die letzten Tage. Der Leiter der Würzburger KV-Tage, Kb Klaus Gierse, gab den Alten Herren mit auf den Weg, daß sie die Aktiven ermuntern und befähigen sollten, die neuen Wege zu beschreiten. „Das Unmögliche mal denken", so Klaus Gierse. Junge Leute müssen neue, andere Wege gehen, Eigeninitiative zeigen und sie dürfen nicht zurückschrecken, sondern müssen es immer wieder von Neuem versuchen. Kb Klaus Gierse dankte allen, die ihm bei der Planung und Durchführung hilfreich zur Seite standen.
