Ganz im Zeichen der Familie
Die fränkische Residenz- und Weinstadt Würzburg begrüßte die über 60 Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit einem strahlend blauen Januar-Himmel und einer Idee frühlingshafter Temperaturen zu den diesjährigen Würzburger KV-Tagen.
So war denn auch die Stimmung unter den vielen Kartellbrüden und ihren Damen schon bei der Anreise sehr sonnig und sie sollte es das gesamte Wochenende über auch bleiben. Die drei Tage in Würzburg standen diesmal ganz im Zeichen der Familie, ihrer gesellschaftlichen Bedeutung früher und heute sowie ihres Wandels und den daraus resultierenden Auswirkungen für unsere Gesellschaft.
Nach nunmehr zehn Jahren im Amt des Leiters der Würzburger KV-Tage gab unser verehrter Kb und Vorsitzender des Altherrenbundes, Klaus Gierse, den Staffelstab, den er vom „Ältesten des KV", Kb Fred Krämer, übernommen hatte, an den „Neuen" im Amt, Kb Dr. Michael Heil, weiter. Kb Dr. Heil ist vielen als derzeitiger Philistersenior des KStV Germania Münster, darüber hinaus aber auch als echtes KV-Urgestein bekannt, stammt er doch aus einer KVer-Familie und gehört selbst nicht weniger als vier KV-Korporationen (Bsg, Bar, Nf, Gm) an. „Gewissermaßen wie die Jungfrau zum Kind" sei er an das Amt des Tagungsleiters gekommen, so formulierte es Kb Heil zur Begrüßung der Tagungsteilnehmer, nicht ohne gleich auf seine persönlichen Bande familiärer Art nach Würzburg zu verweisen.
Konflikt zwischen Ehe und Ehre in der Literatur
Dass er ein Händchen für die Ausrichtung solcher Großveranstaltungen hat, hat er nicht zuletzt bei der Organisation der VV 1995 in Münster bewiesen – mit Sicherheit auch ein Grund dafür, ihm die Leitung dieser traditionsreichen Tagung der KV-Akademie zu überantworten. Und so durfte man gespannt sein auf die Erstausgabe der „KV-Tage zu Würzburg" der Ägide Heil.
Erst wenn beide als Partner zur Erhaltung der Ehre beitragen, gibt es eine Chance
Der Freitagabend stellte auf eine ganz spezielle Art ein „Warming Up" für die anschließenden Vorträge und Diskussionen zum Thema Familie dar. Kb Harald Stollmeier, M.A. (Gm, Nf, Sbg, Blt), Münster, analysierte den „Konflikt zwischen Ehe und Ehre in der Literatur" anhand der Ritterromane von Chrestien de Troyes aus dem 12. und der Detektivromane von Dorothy L. Sayers aus dem 20. Jahrhundert. Am Beispiel der Ritter Yvain und Erec sowie des Gentleman-Detektivs Lord Peter Wimsey wies er nach: „Ein Mensch in einer Ehe hat Verpflichtungen, die er allein nicht hätte. Erst wenn nicht mehr der Ehemann allein für die Ehre und die Ehefrau allein für die Ehe verantwortlich sind (und umgekehrt), erst wenn sich beide als Partner zur Erhaltung der Ehre des jeweils anderen und der Ehe betrachten, gibt es eine Chance. Wer bereit ist, das eine dem anderen zu opfern, wird am Ende vielleicht beides verlieren." Nach diesem einführenden Referat wurde es besinnlich in Walhallas Hallen. „Märchenwelten" standen auf dem Programm. Christel Bücksteeg, Märchenerzählerin aus Münster und seit Jahren im Münsterland unterwegs, um ihren meist erwachsenen Zuhörerinnen und Zuhörern den Zauber der Märchenwelt zu vermitteln, betrat das Podium und verzauberte im wahrsten Sinne des Wortes das Auditorium. Als Intermezzo zwischen zwei Märchenerzählungen nahm Kb Kantor Wolfgang Feuerlein (Rh-E, Bsg, Nf), Duisburg, das Auditorium auf dem Flügel mit auf eine Reise durch die musikalische Geschichte der letzten Jahrhunderte.
Der Samstag war geprägt durch die beiden Hauptvorträge von Frau Prof. Dr. Ursula Frost, Pädagogin an der Universität Köln, die zum Thema „Erziehung durch Vorbilder" sprach und von Prof. Dr. Gerhard Naegele, Gerontologe an der Universität Dortmund, dessen Vortragstitel lautete: „Demographischer, sozialstruktureller und politischer Alterswandel – Herausforderung für die örtliche Altenpolitik und -arbeit". In einem sehr komplexen und anspruchsvollen Vortrag, der auf Vorlesungen im Rahmen der Salzburger Hochschulwochen 1996 basierte, zeigte Frau Prof. Frost, dass „unsere Zeit neben vielen anderen Krisen auch durch die Krise des Vorbilds gekennzeichnet zu sein" scheint. So trägt „zur Krise des Vorbildes gegenwärtig vor allem die Vorherrschaft gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse bei. Soziale Rollen und Verhaltensmuster werden immer stärker der Autonomie und Wahlfreiheit des Einzelnen unterstellt. Dies hängt damit zusammen, dass Staat und Gesellschaft der heutigen westlichen Welt ihre institutionellen Ordnungen auf hoch differenzierte Teilfunktionen beschränken, aber alle ganzheitlichen Sinngebungen der Privatsphäre des Einzelnen überlassen. Vorbilder erscheinen dabei nicht mehr sinnvoll, es sei denn als Konsumangebot auf Zeit." Dennoch, so stellt Frau Prof. Frost fest, ist „menschliches Denken und Handeln kaum möglich ohne Vorbilder". Wobei dem Vorbild in der Erziehung eine besondere Bedeutung zugemessen wird, da „hier die Voraussetzungen für selbstständiges Denken und Handeln erst geschaffen werden". Im Anschluss an das gemeinsame Mittagessen traf man sich am Frankonia-Brunnen vor der Residenz.
Da Kb Dr. Heil ein begeisterter Barockliebhaber ist, ließ er es sich nicht nehmen, eine Besichtigung der Residenz bei seinem Debut als Tagungsleiter mit ins Programm aufzunehmen.
Produktive Nutzung des Alters
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen des Vortrages von Prof. Dr. Gerhard Naegele. Er legte den Fokus seiner Betrachtungen zunächst auf vielfältige Erscheinungsformen des demographischen, sozial-strukturellen und politischen Alterswandels, um im Anschluss daran die Konsequenzen, die sich aus diesem Wandel für die praktische Altenpolitik und -arbeit, speziell für die Kommunalpolitik, ergeben, zu betrachten. Seinen Ausführungen zufolge ist die demographische Entwicklung in Deutschland „insgesamt durch einen sich weiter fortsetzenden Trend zum ‚dreifachen Altern der Gesellschaft gekennzeichnet". Die zentralen Anknüpfungspunkte für alten-politisches Handeln auf kommunalpolitischer Ebene sieht Prof. Naegele u. a. in der Forderung, die „produktive Nutzung des Alters inhaltlich neu zu bestimmen und praktisch zu erproben". Ebenso zählt für ihn die „Aufrechterhaltung des selbstständigen Wohnens als das herausragende sozialpolitische Ziel in der Altenarbeit". In diesem Zusammenhang gelte es, „die rückläufigen primären Hilferessourcen zu stärken und zu unterstützen". Aber auch der Ausbau einer professionellen Pflegeinfrastruktur wird von ihm angemahnt. Nach der sich anschließenden Diskussion und einem gemeinsamen Abendessen brachte ein Bus die Teilnehmer zum hoch über Würzburg liegenden barocken Kleinod, der Wallfahrtskirche „Käppele". Dort zelebrierten die KbKb Prälat Schindele und Pater Norbert Reus SAC die HI. Messe, begleitet durch Kb Feuerlein auf der Orgel. Auf Einladung des KStV Rheno-Frankonia fand der Ausklang des Abends in der „Kette" statt. In der gemütlichen Weinkneipe kamen sich „jung und alt" bei dem einen oder anderen Bocksbeutel näher. Die gehörten Vorträge und Diskussionen des Tages wurden Anlass vieler weiterer Gespräche in kartellbrüderlichem Beisammensein.
Mut zur Erziehung durch Forderungen
Der Sonntagvormittag stand dann ganz im Zeichen des Vortrages von Herrn Prof. Dr. Udo Schmälzle. Er sprach zum Thema: „Christlicher Glaube und familiale Existenz – Versuch einer Standortbestimmung".
Er forderte in seinem mit großem Engagement vorgetragenen Referat die christlichen Familien auf, in der Erziehung Mut zur Grenzziehung zu haben, Mut zu haben, Forderungen aufzustellen. Denn nur so könne es gelingen, „den Fuß in die Tür zu bekommen", um der immer stärker steigenden Brutalisierung des Kinder- und Jugendalters sowie der Ellenbogengesellschaft zu begegnen. Dem Trugschluss, dass der Schutz der Kinder eine Erfindung der neueren Zeit sei, widersprach er mit dem Hinweis auf die schon seit dem 2. Jahrhundert bekannte Kindertaufe: Seit dem Spätmittelalter habe es sich außerdem, v. a. in katholischen Gemeinden, durchgesetzt, in den ersten Lebenstagen zu taufen. Denn erst durch die Taufe wurde der neue Erdenbürger als schützenswertes Leben durch die Familie und die Gesellschaft akzeptiert. Die Tötung ungewollter Kinder war in diesen Zeiten nämlich nichts Ungewöhnliches.
Ein Themenkomplex seines Vortrages gab im Anschluss Anlass zu einer längeren Diskussion, nämlich der Umgang mit dem Problem der wiederverheirateten Geschiedenen und der Nichtteilnahme am Sakrament der hl. Kommunion sowie den Konsequenzen, die der/die Betroffene als Erzieher gegenüber den Kindern damit auszuhalten habe. Hier kam Prof. Schmälzle zu einer sehr persönlichen Sichtweise, indem er sagte, dass er es sich zu einer Lebensmaxime gemacht habe, in einem solchen Fall lieber einmal zuviel als zu wenig barmherzig zu sein und damit auch vor seinen Schöpfer treten zu können. Er forderte weiterhin die christlichen Familien auf, der Tabuisierung von Seinsfragen nicht nur auf religiösem Gebiet vehement entgegenzutreten.
Am Ende der Tagung bedankte sich Kb Dr. Michael Heil bei allen Anwesenden für ihr engagiertes Mittun und Mitdiskutieren sowie dem KStV Walhalla für die Bereitstellung der Räumlichkeiten und der Bewirtung. Ein weiterer Dank galt Herrn Lau, der als gute Fee im Hintergrund alle technischen und organisatorischen Fäden fest in der Hand hatte. Zum Abschluss stellte Kb Klaus Gierse zufrieden fest, dass er den „Staffelstab" für die Organisation der Würzburger KV-Tage in würdige und fähige Hände weitergegeben habe.
