Der Islam – Bedrohung für das christliche Europa?
Allein das einladende Bild der „zwei Märchenaugen" der verschleierten schönen Muslima, das die Einladung zu den diesjährigen 34. Würzburger KV-Tagen (9. bis 11. Januar 2004) zierte, kann es nicht gewesen sein.
Vielleicht lag es an der Tagesaktualität des gewählten Themas: „Der Islam – Bedrohung für das christliche Europa?" Mag sein, dass auch das Vertrauen in die solide Vorbereitung durch die KV-Akademie in letzter Zeit gewachsen ist. Jedenfalls waren die Tage in Würzburg nicht nur durch die unerwartet hohe Teilnehmerzahl von 115 Kartellbrüdern mit ihren Damen und einigen Gästen ein voller Erfolg und wurden zu einer Sternstunde kartellbrüderlichen Miteinanders.
Tagungsleiter Kb Verbandsseelsorger Hans-Joachim
Leciejewski gab unumwunden zu, dass er und die KV-Akademie in der Vorplanung lediglich mit 30 bis 40 Teilnehmern gerechnet hatten. Die Vorträge stimmten einfach nach Form und Inhalt, luden zu wachem Mittun ein, aber auch das Rahmenprogramm wies (wieder) neue und frohmachende Akzente auf. So fand sich eine Gruppe zum fröhlichen Weinabend am Freitagabend auf der „Kette" (Vereinshaus der Rheno-Frankonia) ein, während andere sich auf diverse traditionelle Weinlokale in der malerischen (Alt-)Stadt verteilten. Am Samstag nahmen trotz der Mittagszeit die meisten die angebotenen Führungen im neuen „Museum am Dom" in Anspruch.
Abends folgte eine stattliche Zahl Kartellbrüder mit ihren Damen der Einladung zum 128. Gründungstag-Kommers des K. St. V. Normannia. Da die Kapelle des Burkardushauses, unseres bewährten Tagungslokals mit gewohnt freundlichem Empfang und gutem Essen, natürlich für die hl. Messe am Sonntagmorgen nicht ausreichte, musste noch rasch die „Marienkapelle", die traditionsreiche Marktkirche Würzburgs, für uns „organisiert" werden. Wenn auch die Heizung nicht eigens für diese Messe angeworfen werden konnte, so hat es atmosphärisch doch an Lebendigkeit und Wärme bei der hl. Messe nicht gefehlt, nicht zuletzt durch das Orgelspiel von Kb Dr. Rochus Schmitz, dem Philistersenior der Cimbria aus Münster.
Christen im Dialog mit Muslimen in Deutschland
Doch nun zum Inhalt der KV-Tage. Dr. Wolfgang Rödl vom Bischöflichen Ordinariat in Rottenburg-Stuttgart führte uns, hervorragend medial unterstützt, in die Thematik „Christen im Dialog mit Muslimen in Deutschland" ein. Dr. Rödl konnte aus mehrjähriger beruflicher Erfahrung schöpfen, begleitet, registriert und berät er doch Gruppen, Gemeinden und Verbände in christlich-islamischen Dialogbemühungen. Wie leben Muslime in Deutschland? Wie haben sich ihre Erwartungen und Gewohnheiten in den letzten 30 Jahren gebildet und verändert? Wie sind Muslime organisiert? Was glauben Muslime im Vergleich und in Absetzung vom christlichen Gottesbild?
Ich muss gestehen, dass der Kern der christlichen Offenbarungstheologie mir noch nie so prägnant, treffend und anschaulich in all meinen Semestern an verschiedenen Universitäten präsentiert worden ist, wie es am Freitagabend in Würzburg geschah. Die engagierte Vortragsweise und das ausgewogene Urteil von Dr. Rödl haben sicher dazu beigetragen, dass wir alle miteinander bis zum Ende der Tagung uns ruhig und geschwisterlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben.
Herrn Prof. Dr. Norbert Klaes von der Würzburger Universität konnten wir einen halben Tag lang gespannt lauschen, als er uns in zwei Einheiten am Samstagmorgen in den Grundlagen dessen unterwies, „Was Christen wissen müssen, um den Islam zu verstehen". Da kamen Passagen aus der Lebensgeschichte von Mohammed zu Wort, einzelne bedeutsame Suren des Koran in erläuternder Übersetzung, da wurde das Selbstverständnis der Muslime in ihrem Glaubens-, Geschichts- und Missionsverständnis erklärt und in lebhafter – immer respektvoll geführter – Diskussion vertieft. Ich bin sicher nicht der einzige, dem an diesem Vormittag ein paar Bilder, eine illustrierende Overheadfolie oder ein den Vortrag begleitendes Thesenpapier sicher noch besser getan hätten. Die Veranstalter mögen diesen Hinweis zum Anlass nehmen, in Zukunft die Referenten schon bei der Verpflichtung einfach zuvor darauf hinzuweisen. Der Erlangen-Nürnberger Professor für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung Dr. Mathias Rohe gestaltete am Nachmittag seinen Vortrag zu „Islam und Toleranz" so interessant und lebendig, dass auch hier kein Nickerchen möglich war.
Und es war Raum für die in der letzten Zeit heftig in der Öffentlichkeit diskutierte „Kopftuchfrage", für das Problem des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union und auch zu subtileren Fragestellungen wie die des Rechtsstatus der Muslime in Deutschland und ihres Religionsunterrichts in deutschen Schulsystemen.
Langer Atem im Umgang mit dem Islamismus ist erforderlich
Prof. Rohe, wie seine Vorredner exzellenter Kenner der Verhältnisse in vielen islamisch geprägten Staaten und auch selbst der arabischen Sprache mächtig, konstatierte eine positive Tendenz zur Demokratisierung in der Türkei (zu unserer Fragestellung mit Abstand das wichtigste Land der islamischen Welt!), plädierte dafür, die Realität islamischen Lebens in unserem Land zur Kenntnis und als gegeben anzunehmen, über die Kopftuchfrage keinen verdeckten Religionskrieg auszurufen oder zu schüren und ansonsten sachlich und nüchtern den Dialog zu führen, der z. B. im Hinblick auf die Aufnahme der Türkei in die EU notwendig geführt werden müsse („Zugegeben, da sind noch eine Menge offener Fragen, die ernsthaft geklärt werden müssen!"). Wenn man die Türkei nicht in der EU haben wolle, dann sei es ein Gebot der Ehrlichkeit, dies jetzt in aller Klarheit auch zu sagen, und die Türken nicht jahrelang mit Hinhalteparolen und einem Nein am Ende jahrelangen Hin und Hers zum Narren zu halten. Nach pastoralen und kirchlich-praktischen Argumenten (Dr. Rödl), nach theologischen Klarstellungen (Prof. Dr. Klaes) und nach juristischen Erörterungen (Prof. Dr. Rohe) beschloss der Tübinger Politikwissenschaftler Wiss. Ass. Oliver Schlumberger den Reigen der kompetenten Fachreferenten am Sonntagvormittag. Er konnte noch eine Reihe wichtiger Informationen aus der Sicht seines Fachs beisteuern. So sei es nach allen bisherigen Beobachtungen nicht zu befürchten, daß Muslime uns aufgrund ihrer größeren Kinderzahl aus Deutschland „hinausgebären". Vielmehr passe sich in wenigen Generationen das Verhalten der Einwanderer dem der vorgefundenen Bevölkerung an.
Die Tendenz dazu könne schon deutlich beobachtet werden. Der Referent versuchte mit verdeckten Textbeispielen, die er unter Bibelzitate gemischt hatte, zu illustrieren, dass der Koran und damit der Glaube der Muslime nicht als alleinige oder gar Hauptursache für die zu beobachtenden extremistischen Auswüchse verantwortlich zu machen sei. Dagegen bedinge eher die weltwirtschaftliche Stellung der islamischen Staaten in Wechselbeziehung zu ihrer historisch-politischen Situation den Extremismus, den wir Deutsche oft vereinfachend an Daten und Phänomenen wie „11. September 2001" oder „Taliban", „Al Kaida" oder „Irakkrieg" festmachten.
Auch Oliver Schlumberger warb für einen langen Atem im Umgang mit dem Islamismus, der als „-ismus" auch nicht vorschnell mit dem Islam gleichgesetzt werden dürfe. Hatte schon Prof. Rohe darauf verwiesen, daß lediglich ca. 3 Prozent der knapp über 3 Millionen Muslime in Deutschland nicht integrierbar und möglicherweise extremistisch und gewaltbereit seien (zum Vergleich: mit einen ähnlichen Anteil von rechtsextremen Kräften leben wir in Deutschland und bekommen dieses Problem letztlich auch nicht völlig in den Griff), so plädierte auch wissenschaftlicher Assistent Schlumberger für einen langen Atem und Investitionen in Bildung und unterstrich mit Dr. Rödl und Prof. Klaes den Wert des geduldigen Aufeinanderzugehens von Muslimen und uns Christen in unserem Land.
Wissensdurst und die große Bereitschaft zu kartellbrüderlicher Begegnung
Die solide Vorbereitung der 34. Würzburger KV-Tage durch die KV-Akademie, der Wissensdurst und die große Bereitschaft zu kartellbrüderlicher Begegnung und zu fairem Austausch bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die freundliche Aufnahmebereitschaft der ortsansässigen Kartellbrüder unter dem „Schelch"-Vater Dr. Diether Steppuhn: all das hat den großartigen Erfolg der diesjährigen KV-Tage bewirkt. Gedankt wurde am Schluss zurecht den KbKb Pfarrer Hans-Joachim Leciejewski als einem der KV-Verbandsseelsorger und Tagungsleiter, Prof. Dr. Hans Georg Wehling und Dr. Günter Georg Kinzel seitens der KV-Akademie, Kb Dr. Diether Steppuhn und Kb Klaus Gierse für die Mithilfe aus dem Ortszirkel „Schelch" in Würzburg, dem St.-Burkardushaus und seinem Personal für die gute Versorgung.
Wenn auch hinter den Märchenaugen des Plakats der KV-Akademie mancher von uns Teilnehmer(innen) der KV-Tage insgeheim eine Portion Hinterhältigkeit oder Verbissenheit vermutet haben mag, so ist es doch allen Beteiligten der diesjährigen Tagung in Würzburg gelungen, zum besseren Verständnis des Islam, der Muslime in Deutschland und zur offeneren Diskussions- und Dialogbereitschaft beizutragen.
