Die EU – ein Christenclub?

Der Saal im Burkardushaus in Würzburg war bis auf den letzten Platz gefüllt. Kaum ein Thema beschäftigt Deutschland gegenwärtig mehr als die Frage nach der Integration der Zuwanderer aus dem islamischen Kulturkreis, die vorwiegend aus der Türkei stammen. Angesichts der Beitrittsverhandlungen zur EU mit der Türkei wird die Frage gestellt, ob die Türkei zu Europa passt.

Drei Kernfragen wurde in diesem Seminar nachgegangen: Wie dialogfähig ist der Islam? Wie demokratiefähig sind islamisch geprägte Länder? Und letztlich: Wie europafähig ist die Türkei?

In seiner Begrüßung sprach Kb Dr. Kinzel im Zusammenhang mit der Integration von Zuwanderern aus dem islamischen Kulturkreis besonders die Frage der eigenen europäischen Identität an, eines Europa, das maßgeblich bis in unser 21. Jahrhundert von Antike, Christentum und Aufklärung geprägt ist.

Zum Thema „Wie dialogfähig ist der Islam?“ referierte der Tübinger Orientalist Matthias Hofmann. Er führte u. a. aus, dass sich seit den ersten Anwerbeverträgen mit Arbeitnehmern aus der Türkei seit 1961 keine europäische Regierung mit dem Islam als Glaubensrichtung und Gesellschaftsform wirklich auseinandergesetzt habe. Hofmann plädierte für einen Dialog mit den Muslimen auf gleichberechtigter Ebene, bessere Kenntnissse von beiden Seiten über die unterschiedlichen Kulturen und Wertvorstellungen und die Fortsetzung des Dialogs bis hinunter zur Basis.

 

Professor Dr. Peter Pawelka, Leiter des Arbeitsbereichs Vorderer Orient am Institut für Politikwissenschaften der Universität Tübingen sowie als Gastprofessor in Palästina, Israel, Oman und im Libanon sehr erfahrener Wissenschaftler, referierte zum Thema der Demokratiefähigkeit islamisch geprägter Staaten am Beispiel der Türkei. Er ging drei Kernfragen nach: Kann die Türkei Mitglied der Europäischen Union werden? Diese Frage wurde von Professor Pawelka mit einem klaren Ja beantwortet, weil die Türkei in über 200 Jahren dramatischer Reformen sich zum am stärksten entwickelten und verwestlichten Land des Vorderen Orients entwickelt hat. Sollte die Türkei Mitglied der EU werden? Diese Frage beantwortete Professor Pawelka sehr kritisch. Er verwies eingehend auf die vom türkischen Staat und der Gesellschaft vertretenen Werte, die europäischen politischen Kulturen widersprechen und die seit den 1980er Jahren eingetretene „Re-Orientalisierung“ der türkischen Wertebasis. Besonders interessant war Professor Pawelkas dritte Frage, ob die Türkei Mitglied der EU werden will. Pawelkas Beurteilung: für ihn ist schwer ersichtlich, welches Elitensegment in der Türkei von einer EU-Mitgliedschaft profitieren sollte.

Professor Dr. Ali Dere, Außenbeauftragter der türkischen Religionsbehörde, unternahm es, der Problematik der Frage nach dem islamischen Religionsunterricht nachzuspüren. Er ging auf die unterschiedlichen Vorstellungen und Traditionen der in Deutschland lebenden Muslime ein, erwähnte die Schwierigkeiten für Außenstehende, zu erkennen, welche Handlungsmuster religiös und welche traditionell begründet sind und führte aus, dass die Entscheidung, welche Rechtsschule eine Rechtsschule oder Konfession im Sinne des Grundgesetzes sein kann, nur von der Wissenschafts-tradition des Islam getroffen werden kann.

Von verschiedenen Teilnehmern wurde auf die Grundsätze des staatlichen Religionsunterrichts in Deutschland verwiesen, die auch bei Einführung islamischen Religionsunterrichts zu beachten seien. Deutlich wurde herausgearbeitet, dass im Falle staatlichen islamischen Religionsunterrichts keineswegs die Vorstellungen islamischer Eltern ausschlaggebend seien, sondern die Richtlinien des Staates.