Verantwortung der Christen im Zeitalter der Globalisierung

Ob es an der Aktualität des Themas lag oder an den höchst kompetenten Referenten: die 39. Würzburger KV-Tage vom 9. bis 11. Januar 2009 waren mit deutlich über 100 Teilnehmern sehr gut besucht.

Kb Dr. Günter Georg Kinzel konnte bei der Begrüßung am Freitagabend darauf hinweisen, dass die Würzburger KV-Tage sich zur bestbesuchten Veranstaltung der KV-Akademie entwickelt haben. Das durch die Krisen der letzten Monate noch aktueller gewordene Thema „Verantwortung der Christen im Zeitalter der Globalisierung“ war noch von Kb Professor Dr. Gerrhard Vigener ausgesucht worden. An dem dreitägigen Seminar wirkten fünf auf ihren Fachgebieten ausgewiesen erfahrene Referenten mit, die alle auf praktische einschlägige Tätigkeiten verweisen konnten. Die Ausführungen über die vom Leitungsteam gestellten Themen waren sowohl theoretisch fundiert als auch mit Beispielen aus der Praxis untermauert.

 

  •     Gestaltungsverantwortung der westlichen Industrienationen als gefährdete Wohlstandsinsel
  •     Auswirkungen der Globalisierung auf unsere Arbeitsplätze und unsere soziale Sicherheit
  •     Unsere zukünftige Rolle angesichts der künftigen Zentren der Weltwirtschaft in Asien, Südamerika und Afrika
  •     Verantwortung der Industrienationen für die „Dritte Welt“ in den Bereichen Mission, Bildung und wirtschaftliche Hilfe
  •     konkrete Bereiche, bei denen wir von den Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas lernen können

Den breiten Raum für Fragen und Diskussionsbeiträge nutzten viele Teilnehmer.
 

Kb Kinzel wies in seinen einleitenden Worten auf die zunehmend stärker gewordene weltweite Verflechtung von Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Umwelt und Finanzmärkten hin, der sich niemand entziehen kann, der aber auch in Deutschland und weltweit viele Arbeitsplätze zu verdanken seien. Die Notwendigkeit eines gesamteuropäischen und in vielen Bereichen sogar weltweiten einheitlichen Herangehens an die wichtigen Probleme werde in der aktuellen Versorgungskrise auf dem europäischen Gasmarkt deutlich, der nur durch eine geschlossene Reaktion aller Staaten Europas begegnet werden könne. Kinzel rief zu einem ressourcen-schonenden Umgang mit Energie auf und zu einer Rückkehr zu einem System in der Tradition der Soziallehren des Christentums und der Sozialen Marktwirtschaft.

Professor Dr. Bodo Herzog spürte in seinem Referat „Gestaltungsverantwortung der westlichen Industrienationen – dauerhafte Wohlstandsinseln in einer hungrigen Welt oder mehr?“ auf der Basis gründlich recherchierter Umfragen und Fakten zu Risiken und Chancen der Globalisierung der steigenden Skepsis gegenüber den Folgen der Globalisierung nach. Er rief zu Integration in alle Politikfelder auf sowie zu nachhaltigen Investitionen in Bildung und globalisierungsfeste Beschäftigung. Auf den Fundamenten der Katholischen Soziallehre und der Protestantischen Sozialethik müsse man zu einer globalen sozialen Marktwirtschaft kommen.

Umfragen und Fakten zu Risiken und Chancen der Globalisierung

Sorgfältig recherchiert und faktenreich trug am Samstagmorgen Stefan Deges von der Wirtschaftsredaktion des „Rheinischen Merkurs“ seine Überlegungen zu den „Auswirkungen der Globalisierung auf unsere Arbeitsplätze und unsere soziale Sicherheit“ vor. Auf der Basis aussagefähiger Statistiken schilderte er die prognostizierte Entwicklung neuer Jobs (57 Prozent in Asien, 17 Prozent in Afrika südlich der Sahara, vier Prozent in der sogenannten reichen Welt) und die weltweit sehr unterschiedlichen Arbeitskosten je Stunde. Er rief zu einer differenzierten Sicht der Beurteilung der Globalisierung auf. Angesichts von Kostensteigerungen in den sogenannten Billiglohnländern wie China und Tschechien von 15 bis 18 Prozent/Jahr liegen die deutschen Werte im langjährigen Vergleich im internationalen Mittelfeld bei deutlich höherer Produktivität.

Lebhaft, kenntnisreich und fundiert referierte Dr. Manuel Vermeer, Dozent für Marketing, Ostasien, chinesische Sprache, Kultur und Wirtschaft am Samstagvormittag. Als Dolmetscher und Übersetzer für die Bundesregierung begleitete er unter anderem zweimal Bundeskanzler Kohl bei Staatsbesuchen in China. Vermeer rief dazu auf, vom europazentrischen Weltbild wegzukommen. Er schilderte die Jahrtausende alte Globalisierung, zum Beispiel die Handelsrouten auf der Seidenstraße von China bis Rom und in andere Zentren der europäischen Welt. Bemerkenswert sei die Bewusstseinsänderung in China, Indien und anderswo: Große Teile der Weltbevölkerung beginnen zu begreifen, dass sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen können und dass das Schicksal sie nicht mehr unabänderlich an ihren Platz gesetzt hat. Vermeer rief dazu auf, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen und sich im weltweiten Wettbewerb neu zu positionieren, was durchaus Einschnitte bedeute.

Verantwortung der Industrienationen für die ,Dritte Welt’

Professor Dr. Dr. Alexander Lohner, Leiter der Grundsatzabteilung beim bischöflichen Hilfswerk Misereor, war das Thema „Verantwortung der Industrienationen für die ,Dritte Welt’: Mission, Bildung, wirtschaftliche Hilfe“ aufgegeben worden. Er führte aus, dass von Kardinal Frings und der deutschen Bischofskonferenz Misereor als Leibsorge in Unterscheidung zur Seelsorge (Mission) aufgebaut worden sei. Armut und Krankheit träfen insbesondere Frauen und Kinder, und die in erster Linie von den Industrienationen verursachten Umweltschäden mit Krankheiten im Gefolge würden trotz zum Teil nur sehr geringer erforderlicher Kosten für Medikamente nicht kuriert. Nach Lohner seien Verbesserungen in der Gesundheitslage der Menschen weltweit lohnend: das Spektrum reiche von der Verbesserung der Arbeitsproduktivität bis hin zum demografischen Übergang von hoher zu niedriger Fruchtbarkeit.

Seit Jahren ist die Verleihung des Carl-Sonnenschein-Gedächtnispreises in die Würzburger KV-Tage integriert. Begleitet vom über 40-köpfigen KV-Orchester unter Leitung von Kb Dr. Martin Flesch fand die Preisverleihung durch den Vorsitzenden des KV-Rats, Kb Karl Kautzsch, in der wunderbaren Atmosphäre der Neubaukirche statt. Preisträger waren die beiden Kartellbrüder Dr. med. Claudius Falch und Dipl.-Theol. Horst Wieshuber. Der Gottesdienst am Sonntag in der Marienkapelle mit Kb Pfarrer Leciejewski war angesichts der Kälte eine Herausforderung. Kb Leciejewski ging in seiner Predigt auf die Taufe Jesu ein, die ein Akt der Hingabe des Sohnes an den Vater sei und von diesem bestätigt wurde. Auch unsere eigene Taufe sei eine Liebeserklärung Gottes an den einzelnen Menschen, die Gott niemals zurückziehen werde. Kb Rochus Schmitz sorgte wieder für die musikalische Gestaltung.

Taufe sei eine Liebeserklärung Gottes an den Menschen

Im geheizten Burkardushaus sprach anschließend Dr. Ansgar Stüfe OSB, Missionsprokurator von St. Ottilien, über „Mut, Risiko und Aufbruch – Was können wir von den ,jungen Ländern’ Asiens, Lateinamerikas und Afrikas lernen?“. Auf der Grundlage seiner Erfahrungen als Chefarzt eines Krankenhauses in Tansania sprach Dr. Stüfe anhand konkreter Beispiele über die unterschiedlichen Erfahrungen anderer Kulturen, von denen wir profitieren können. Im Umgang mit der als überwältigend groß gesehenen Natur und mit Unverständnis gegenüber der Naturschwärmerei der Europäer müsse der Mensch seine Chancen erkennen, wie er die Natur nutzen kann. Deutlich machte Dr. Stüfe auch die scharfe Grenze zwischen Mensch und Tier: es gebe keine größere Beleidigung als Tiervergleiche. Höhere Mächte seien übrigens in Afrika selbstverständlich, es herrsche große religiöse Offenheit. Der Mensch sei auch nie allein verantwortlich. Glauben und Leben seien noch vereint. Dr. Stüfe sieht die Globalisierung als große Chance des Kennenlernens der Kulturen und als Chance, vergessene Werte wieder zu entdecken.

Positives Fazit dank der perfekten Tätigkeit des KV-Sekretariats

Insgesamt wurden die 39. Würzburger KV-Tage als sehr gelungen betrachtet. Die Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, mit allen Referenten durch Fragen und Diskussionsbeiträge, sehr intensiv ins Gespräch zu kommen. So konnte Kb Professor Wehling in seinem Schlusswort allen Mitwirkenden und dem in Vorbereitung und Durchführung gewohnt perfekt tätigen KV-Sekretariat unter Leitung von Damian Kaiser danken und ein rundum positives Fazit ziehen.