Freie Wirtschaft und sozialer Staat

Die 40. Würzburger KV-Tage fanden vom 8. bis zum 10. Januar 2010 im Burkardushaus in Würzburg statt. 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten die Tagungsleiter Kb Werner Rellecke und Kb Hans-Joachim Leciejewski begrüßen.

In einem Eröffnungsreferat führte Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ aus Ludwigshafen, in die Thematik der Tagung ein. „Katholische Soziallehre und deutsches Sozialstaatsmodell. Eine aktuelle Bestandsaufnahme“, so das Thema seines Vortrags. Prof. Hengsbach traf auf eine interessierte Hörerschaft und in der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde manche kritische Anmerkung. Der spätere Abend war dann frei für die kartellbrüderliche Begegnung.

„Sozialpolitik in Deutschland vom Kaiserreich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts“, lautete das Thema am Samstag Vormittag. Hierzu referierte Prof. Dr. Ernst Leuninger aus Limburg.

 

Er stellte den Begriff der sozialen Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seiner Darlegung, einen immer wieder diskutierten Begriff, der um 1840 im Raum der katholischen Kirche geprägt wurde. Der Einsatz für die soziale Gerechtigkeit und die Verkündigung des Glaubens bestimmen gleichberechtigt den Sendungsauftrag der Kirche, die das Wohlergehen der gesamten Menschheit im Blick haben muss. In der Aussprache warb Prof. Leuninger für eine Kirche, die in ihren Entscheidungen nicht nur hierarchisch vorgeht, sondern „Bottom-up“ die Fragen der Zeit aufgreift. In diesem Zusammenhang äußerte er sich angesichts der gegenwärtigen personellen und finanziellen Krise der Kirche in Deutschland kritisch zu manchen „Konzepten“ in den Bistümern.

Leuninger sprach sich aus für „Leutpriester“ und gegen eine reine Reform der pfarrlichen Strukturen, die die Seelsorge in immer größeren „pastoralen Räumen“ ansiedelt und mit dieser „Verraumung der Pastoral“ Seelsorge letztlich unmöglich macht.

Prof. Dr. Josef Römelt CSsR aus Erfurt hielt den zweiten Vortrag des Vormittags zum Thema: „Familie, Arbeit, Wohlstand – Werte und Entwertungen in unserer Gesellschaft“. Nicht als Gesellschaftswissenschaftler, sondern als Individualethiker stellte er sich im Kontext des Themas der Tagung der Frage nach der Vermittlung von Sinn und Werten an junge Menschen. Christliche Elternschaft ist die Teilhabe an der schöpferischen Liebe Gottes, das Staunen vor dem Geschenk des Lebens. Das bewusste JA zur Familie ist die wichtige Gegenstimme gegen eine diffuse Zukunftangst. Prof. Römelt plädierte für die Schaffung von Rahmenbedingungen für die Familie. Sie hat in sich einen Eigenwert, sie darf nicht nur funktional für die Gesellschaft gesehen werden.

Am Nachmittag referierte Dr. Michael von Prollius aus Berlin. Sein äußerst aktuelles Thema lautete: „Soziale Marktwirtschaft, Wohlfahrtsstaat und die Ursachen der globalen Finanzkrise“. Wir erleben nicht die Krise der Marktwirtschaft, so von Prollius, sondern die Krise des Wohlfahrtsstaates in einer Gesellschaft, die die Freiheit des Einzelnen immer mehr einschränkt. Deutschland befinde sich im Rausch der Paragraphen, der staatliche Interventionismus ruiniere die Marktwirtschaft. Deutschland stehe vor der Entscheidung zwischen einer Ordnung der sozialen Marktwirtschaft oder einer staatlich gelenkten Wirtschaft. Dr. Michael von Prollius warb für einen Minimalstaat, in dem der Bürger sein Geschick selbst in die Hand nimmt, er Hilfe erfährt, wo sie erforderlich ist (Subsidiarität), und der Staat lediglich den Rahmen vorgibt. Marktwirtschaft, so seine These, ist aus sich selbst sozial! Die verantwortete Freiheit des Individuums ist ein Glaubensbekenntnis an Gott und seine Werke.

Eine festliche Abendveranstaltung beschloss diesen Seminartag. Der KV verlieh den Carl-Sonnenschein-Gedächtnispreis an Kb Dr. phil. Jörg Treffke (Arm).