Zwischen Revolution und Reform – 50 Jahre Zweites Vaticanum
Ein halbes Jahrhundert nach dem Konzil lohnt der erneute Blick auf die Beschlüsse des Konzils, die an Aktualität nichts verloren haben, und so konnte der Vorsitzende des KV-Akademie e.V., Kb Klaus Gierse, gemeinsam mit Kb Hans-Joachim Leciejewski und Kb Werner Rellecke, mehr als 100 Teilnehmende zu den 44. Würzburger KV-Tagen im Erbacher Hof in Mainz begrüßen. „Zwischen Revolution und Reform – 50 Jahre Zweites Vaticanum“ so das Thema dieser akademischen Veranstaltung.
Das Einführungsreferat am Freitagabend hielt Prof. Dr. Gregor Maria Hoff. „Das Zweite Vatikanische Konzil und seine Folgen“ – so der Titel seines Referates. In einem lebendigen und packenden Vortrag erinnerte der Referent an das Konzil, das ein „Konzil im Werden“ war, ökumenisch und weltoffen, die Zeichen der Zeit in den Blick nehmend und die Kirche als Volk Gottes begreifend und verstehend.
Der Frage nach dem Selbstverständnis der Kirche galt der Vortrag am Samstagvormittag. Prof. Dr. Bernhard Schmitt referierte zum Thema: „Lumen Gentium“ und das Geheimnis der Kirche. In großem Bogen skizzierte er die Entwicklung der Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) in den letzten fünf Jahrhunderten. Er ging aus vom Konzil zu Trient, das als „Ereigniskonzil“ in der Folge der Reformation und der abendländischen Kirchenspaltung sich den Anliegen der Stärkung der päpstlichen Lehrautorität, der Abwehr des Konziliarismus und damit der Stärkung der päpstlichen Regierungsautorität widmete und keine eigene, sondern eine implizite Ekklesiologie entwickelte.
Schmitt skizzierte das lange „Tridentinische Jahrhundert“, erinnerte an Carlo Borromeo und Roberto Bellarmino, das 19. Jahrhundert mit dem aufkommenden Vereinskatholizismus und der Frage der Unfehlbarkeit des Papstes, bis hin zum Pontifikat von Pius XII. (1939–1958) und weiter zum Zweiten Vaticanum mit seiner dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“. Unter den Begriffen „Volk Gottes“ und „Communio“ (Gemeinschaft) stellte Schmitt kurz die Sicht des Konzils über die Kirche vor.
DiE Frage der Unfehlbarkeit des Papstes, bis hin zum Pontifikat von Pius XII.
Nach der kurzen Mittagspause stellte sich Dr. Andreas Renz in spannendem Vortrag der Revolution und nicht nur Reform des Konzils. Sein Thema, „Dialog ist eine neue Art, Kirche zu sein“ (Papst Paul VI.). Der Anstoß des Konzils zu einer „Ökumene“ der Religionen; Renz ging aus von der Hypothek der Judenfeindschaft in Kirche und Theologie: der Vorwurf des Christusmordes und damit des Gottesmordes, die Theologie der Enterbung, nach welcher die Kirche das Volk des Alten Bundes ersetzt hat, und schließlich das Bild von der „blinden Synagoge“ – dies legitimiere Gewalt gegen Juden oder wenigstens deren Verachtung. Renz erläuterte darüber hinaus die Verachtung der griechischen und römischen Religionen als heidnischen Götzendienst durch die Kirche bei zugleich positiver Sicht der antiken Philosophie, vor allem aber die Haltung gegenüber dem Islam als einer christlichen Häresie, einer heidnischen oder gar teuflischen Religion.
Die Haltung der Kirche gegenüber anderen Religionen stand unter dem Grundsatz: Extra ecclesia nulla salus – außerhalb der Kirche gibt es kein Heil. Das Konzil von Florenz (1439–1445) hat diesen Grundsatz als Glaubenssatz festgeschrieben. Wie revolutionär klingt angesichts dieser Grundhaltung die Erklärung „Nostra Aetate“ des Konzils aus dem Jahr 1965 über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen!
Diese Erklärung, die auf zwei DIN A4-Seiten abgedruckt werden kann, ist keineswegs eine kleine Erklärung! Ursprünglich war nur eine Judenerklärung geplant, vor allem auch angesichts der jüngeren Geschichte der Judenverfolgung (Shoa) und der Rolle der Kirche; doch es gab Druck aus der arabisch-islamischen Welt und von den orientalischen Kirchen. „Nostra Aetate“ ist das Ergebnis theologisch-politischen Ringens, welches in „Lumen Gentium“ seinen Niederschlag findet:
Die Kirche steht im Dialog mit der Welt, in der sie lebt, und im Dialog mit allen Menschen. Durch ein besonderes Band der Liebe ist sie mit dem Volk des Alten Bundes verbunden, so steht sie im Dialog mit den Juden, aber auch mit den Muslimen, die sich ebenfalls als Kinder Abrahams verstehen.
Nach einer kurzen Kaffee-Pause konnte Kb Prof. Dr. Klaus Schatz SJ begrüßt werden, der sich der Konstitution „Dei Verbum“ annahm. Kb Schatz ist ein profunder Kenner der jüngeren Kirchengeschichte. Er legte seiner Zuhörerschaft zum Thema „Schrift und Tradition. Heilsbezug und Wahrheit” eine Synopse mit Auszügen des Schemas „De fontibus revelationis“ und der Konzilskonstitution „Dei Verbum“ vor. Wie ist die Heilige Schrift zu verstehen? Wie ist das Verhältnis von Schrift und Tradition zu bestimmen? Wie sieht die Kirche die moderne Bibelkritik? – so die Fragen, die die Konzilsväter beschäftigten und die engagiert diskutiert wurden. Die Diskussionen waren so konträr, dass sogar ein Scheitern drohte! Kb Schatz stellte eindrücklich und die Hörerinnen und Hörer akademisch fordernd dar, was wie selbstverständlich unser Verständnis der Heiligen Schrift heute prägt, was aber vor 50 Jahren noch nicht Allgemeingut war.
Der Abend war der Verleihung des Carl-Sonnenschein-Preises an zwei Kartellbrüder reserviert. In festlichem Rahmen war Zeit für Begegnungen und Gespräche, bei denen das Prinzip Freundschaft unseres Kartellverbandes bis tief in die Nacht gepflegt wurde. Am Sonntag, dem Fest der Taufe des Herrn, feierte Kb Hans-Joachim Leciejewski, einer der Sprecher des Teams der Verbandsseelsorger, die Heilige Messe mit uns.
In festlichem Rahmen war Zeit für Begegnungen und Gespräche
Kb Dr. Eberhard Amon, referierte zum Abschluss der KV-Tage zum Thema „Liturgie im Wandel“. Als erstes Dokument konnte das Konzil am 4. Dezember 1963 die Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ verabschieden. Denn zu Beginn der Beratungen des Konzils lag den Konzilsvätern lediglich eine Vorlage vor – über die Liturgie –, die als Beratungsvorlage angenommen wurde. „Die Liturgie ist nicht vom Himmel gefallen – sie ist das Ergebnis vielfältiger Entwicklungen.“ Ausgehend von dieser These stellte Kb Dr. Amon zunächst die liturgische Praxis Jesu dar, wie sie in den Evangelien überliefert ist: persönliche Zwiesprache mit dem Vater im Himmel im Gebet, Mitfeiern der Synagogengottesdienste, vielfältige Mahlfeiern bis hin zum Letzten Abendmahl. Die junge Kirche ahmte diese liturgische Praxis des Herrn nach. Bald jedoch gab es keine Gottesdienstgemeinschaft mit den Juden mehr, man konzentrierte sich auf den Sonntag, den ersten Tag der Woche als den Tag des Herrn, es begann eine Ritualisierung und die Entwicklung der Ämter in der Kirche setzte ein. Aus dem Jahr 165 nach Christus gibt es eine erste Beschreibung eines Gottesdienstes.
Kb Dr. Eberhard Amon gab einen historischen Überblick über die weitere Entwicklung der Liturgie: Mitfeiern ist das Anliegen der Liturgiereform des Vaticanum II und Fundament ist die Lehre von der Kirche als Volk Gottes, als Gemeinschaft der Glaubenden. Diese sollen „nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer [der Feier] beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen, und so die heilige Handlung bewusst, fromm und tätig mitfeiern, sich durch das Wort Gottes formen lassen, am Tisch des Herren Leibes Stärkung finden und Gott danksagen.“
Kb Dr. Amon wich schließlich auch heutigen Herausforderungen nicht aus, die sich für die Feier des Gottesdienstes stellen: – die Frage nach der liturgischen Bildung der Kleriker wie der Gemeinden, – die Frage nach der Ars Celebrandi (der Kunst des gottesdienstlichen Feiern) wie nach der Ars Praesidendi (der Kunst, einer liturgischen Feier vorzustehen).
KV-Tage in Mainz waren ein würdiger Auftakt des Akademie- Jahres 2014
Damit gilt es ernst zu machen und in „edler Einfachheit“ die vielfältigen Gottesdienste so zu feiern, dass sie den Menschen helfen, aus dem Geist des Evangeliums das Leben zu gestalten und sie zu Gott zu führen. Dass sich an den lebendigen Vortrag eine engagierte Diskussion anschloss, verwundert nicht. „Hattet Ihr auch schon das Konzil?“
Die Teilnehmer in Mainz haben einen Eindruck in das Geschehen des Konzils und in seine grundlegenden Dokumente erhalten. Die kompetenten Referenten überzeugten und die Diskussionen waren lebendig.
Die KV-Tage waren ein würdiger Auftakt des Akademie-Jahres 2014. So konnte der Leiter der KV-Akademie e.V., Kb Klaus Gierse, eine gelungene Akademie-Veranstaltung beschließen mit dem Dank an die Referenten und die Teilnehmenden und die 45. KV-Tage im Jahr 2015 ankündigen zum Arbeitsthema „Macht der Medien“.
