Internet und soziale Netzwerke – Chance und/oder Gefahr?
Kein Tag vergeht, an dem nicht neue Websites gestaltet und neue Communities gegründet werden. Längst ist das Internet mehr als ein neues Medium neben Print, Radio und Fernsehen. Es vernetzt die getrennten Mediensegmente miteinander. Es integriert Wort, Bild und Ton. Es verfügt über eigene Sprachcodes, Zeichensysteme und Inhalte. Das Internet ist ein gigantisches Kommunikations- und Vertriebssystem, das jedwede Angebote umgehend den Menschen zustellt. Aber wie dienen diese neuen Kommunikationsformen dem Menschen? Wo gibt es Risiken? Wird bei der Nutzung der neuen medialen Möglichkeiten die Menschenwürde geschützt? Wie steht es um Zugangsvoraussetzungen und Partizipationschancen der Bürger, wie steht es um Grundnormen wie Gerechtigkeit?
Die Entwicklung der Social Media wird vielfach als zweite Kommunikations-Revolution nach der Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern durch Johannes zu Gutenberg um 1450 angesehen. Doch was für die einen der Untergang des Abendlandes ist, ist für die anderen der Anbruch eines globalen, medialen Reichs der Freiheit, in dem der Geist, durch Technik befreit von allen historischen, biologischen und ethischen Einschränkungen, frei agieren kann. Die Internetkultur verspricht den interaktiven Einbezug aller Nutzer des Internets als freie Akteure. Die Realität sieht anders aus: Ist es freie Kommunikation, wenn junge Leute in Facebook zum Preis der Selbstdarstellung ihre Privatsphäre aufgeben und dann Datenmissbrauch und Cybermobbing zu spüren bekommen? Und: Bewegt sich der Internetnutzer wirklich frei und autonom im Internet, wenn Suchmaschinen ihn über die Antworten auf seine Fragen, über Vorschläge und Stichwörter in jene Bahnen lenken, die für die Anbieter dieser Suchmaschinen die kommerziell günstigsten sind?
Medien können sozial und konstruktiv genutzt werden – oder auch nicht. Und diese Polarität von Chancen und Risiken, zeichnete Professor Andreas Büsch in seinem Vortrag nach. Ambivalent ist die Entwicklung bereits bei der Konvergenz der Medien. Tablets, Smartphones, Laptops bündeln viele Medien, für die bis vor kurzem einzelne Geräte zuständig waren. Aber diese Bündelung macht Nutzer auch angreifbar: „Wenn mein Telefon früher kaputt war, brauchte ich ein neues Telefon, aber nicht auch noch eine neue Kamera. Wenn dieses Gerät kaputt oder verloren geht, habe ich ein ernsthaftes Problem.” Diese Ambivalenz setzt sich fort bei den Social Media: „Ich poste etwas und innerhalb weniger Minuten bekomme ich Kommentare dazu oder die sogenannten Likes”, sagte Professor Büsch. „Zweifelsfrei haben wir es mit ganz innovativen Nutzungsmöglichkeiten zu tun. Früher gab es Lesen: Das kennen Sie noch alle: Bücher, Zeitungen, Zeitschriften. Dann gab es Surfen: Das war die Art und Weise, wie man mit Websites umging.” Jetzt gäbe es Stöbern, „Häppchen-Kommunikation”: „Wir klicken uns durch Profile anderer durch”: Aber, warnte der Medien-Ethiker: „Ein großes Problem ist ganz sicher, dass die großen Anbieter uns alle ,umzäunte Gärten’ anbieten wollen. Der Reiz vieler Dienste und Angebote des Social Web liegt im Mehr an Komfort: So ist bei einer Google-Suche nicht einmal die exakte Schreibweise des gesuchten Begriffs nötig: Googles automatische Vervollständigung schlägt sofort Begriffe vor, die der Nutzer möglicherweise auch eingeben will. Zudem scheint der Nutzerkomfort nichts zu kosten.
Der Reiz vieler Dienste und Angebote des Social Web liegt im Mehr an Komfort
Tatsächlich bestehen die verdeckten Kosten in der Preisgabe der Nutzerdaten. Das Adressbuch wird von Facebook oder Whatsapp komplett eingelesen, um dem Nutzer Freunde „vorschlagen“ zu können. Die Geschäftsmodelle fast aller Anbieter laufen darauf hinaus Daten von Nutzern zu sammeln, um aus deren Auswertung Werbeangebote bzw. Hinweise auf Produkte platzieren zu können. Zusammen mit Bewegungsprofilen durch Nutzung von GPS-Daten oder Bekanntgabe von Orten, an denen Nutzer sich aufhalten, entstehen so sehr differenzierte Profile, die der Idee einer informationellen Selbstbestimmung diametral widersprechen. Das größte Problem sei dabei, so Professor Büsch, „dass Leute freiwillig dabei mitarbeiten”. Den meisten – und nicht nur jungen Menschen – sei nicht wirklich bewusst, dass das, was sie irgendwo posten, „weltweit überall zugänglich ist und zwar relativ dauerhaft. Den Zwang zur Löschung hat der europäische Gerichtshof erst im Mai letzten Jahres eingeführt und ein Google-Vertreter erzählte auf einer Konferenz im September, sie hätten in dem Vierteljahr seitdem hunderttausend Anträge auf Löschungen bekommen.” Heute gehen Studien davon aus, dass Daten-Konzerne wie Google in spätestens zwei Jahren das Verhalten von Menschen aufgrund der bisher gesammelten Daten vorhersagen könnten. Bereits jetzt gibt es bei Online-Shops Empfehlungen auf ähnliche Produkte wie die soeben angeschauten oder Hinweise, was andere Käufer auch noch erworben haben. Diese scheinbar individuellen redaktionellen Empfehlungen werden von Algorithmen produziert, die aufgrund der bereits erhobenen Daten Angebote ausfiltern – und damit die Wahrnehmung der Nutzer lenken und letztlich ihre kommunikativen Möglichkeiten einengen.
Umgang mit Medien erfordert Sachkompetenz
„Unsere Sinne sind unsere Schnittstelle zur Welt“, sagte Professor Büsch. „Wenn ich nicht hören, riechen, fühlen, schmecken kann, kann ich weder die Welt der Dinge, noch die Welt der Menschen wahrnehmen, dann kann ich nicht sozial handeln. Natürlich brauche ich im Umgang mit Medien auch Sachkompetenz. Ich muss wissen, wie ich diese Geräte bediene, ich muss wissen, welche Angebote ich wie nutzen kann, wie bekomme ich, was mich wirklich interessiert und nicht nur, was der oben im Angebot hat.” Aber genauso nötig sei ein solides Selbstmanagement im Umgang mit digitalen Medien: „Ob Sie es Medienbildung nennen oder ob Sie das Zauberwort der Medienpädagogik, die Medienkompetenz bemühen – in jedem Fall ist das ein Bereich, mit dem Sie sich auseinandersetzen müssen.”
Die folgenden Vorträge rückten die traditionellen Medien Zeitung und Fernsehen in den Blick: Längst stehen sich digitale und analoge Medien nicht mehr als getrennte Sphären gegenüber. In Buchverlagen werden die Datensätze, aus denen gedruckte Bücher hervorgehen, für E-Books umformatiert. Zeitungsverlage bewirtschaften Printausgaben, Online-Portale und iPad-Versionen der Printausgabe. Und längst vermarkten sie auch nicht-journalistische Produkte.
Die auf Papier gedruckten Tageszeitungen sind in dieser Mischwelt die Sorgenkinder. Sie sind die Markenkerne, von denen alle Verwertungsketten profitieren, aber ihre Auflagen sind rückläufig, ihre Umfänge schrumpfen bei gleichbleibenden oder gar steigenden Verkaufspreisen. Was wird aus Print? „,Print sind für uns vor allem die Kirchenzeitungen. Und da sehen die Zahlen nun wirklich nicht beglückend aus. Es gibt nur zwei, drei Kirchenzeitungen, wo es nur halbwegs geht.“ Ansonsten: „Die Kirchenzeitung stirbt mit ihren Abonnenten. Das ist das Problem und man muss gewissermaßen überlegen, wie kann man diese Form der wichtigen kirchlichen Kommunikation sozusagen ersetzen.“ Die Social Media jedenfalls seien ein Feld, das die kirchliche Medienarbeit bis jetzt noch nicht genug bedacht habe.
Was sein Feld, die Regionalzeitung, angeht, zeigte sich Kb Stefan Kläsener, seit Dezember 2014 Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags in Flensburg, angesichts ihrer starken lokalen Verwurzelung optimistisch: „Regionalzeitungen haben die Eigenart, dass sie auf die Welt unter dem Blickwinkel ihrer Region schauen“, sagte Kläsener, und dies sei die hohe Kunst ihrer Berichterstattung. Regionalzeitungen würden mehr gelesen als je zuvor, aber immer weniger Leser seien bereit, dafür zu bezahlen, schließlich greife das Internet die Inhalte der Regionalzeitungen ab und biete deren Informationen kostenlos an. Das Geschäftsmodell der Regionalzeitungen sei in die Krise geraten, nicht die Regionalzeitung an sich.
„Ich will Qualität und ich will Quote”, sagte der Fernsehjournalist Claus Kleber. „Ich muss versuchen, ein Programm so interessant zu gestalten, dass es vielen Menschen relevante Informationen bietet.“ Das beste Mittel dazu sei gute journalistische Arbeit. „Die Bilder müssen stimmen, die Texte müssen überzeugend und eingängig sein, die Fragen müssen die sein, die Ihnen durch den Kopf gehen, selbst wenn es Fragen sind, die Sie selbst in dem Moment kaum formulieren würden.” Das bedeutet: Nur durch fortwährende Bearbeitung des Rohstoffs News werden sich Zeitung, Fernsehen und Radio gegenüber der Internet-Konkurrenz halten.
Es sei ein besonderes Privileg der Medien, über Verdachtsmomente berichten zu dürfen und keine Sanktionen durch das Presserecht befürchten zu müssen, selbst wenn sich Verdachtsmomente später als unhaltbar erwiesen, sagte der Medienjurist Gernot Lehr, der als Anwalt von Christian Wulff bekannt geworden ist. Doch um von diesem Privileg Gebrauch machen zu können, müsse die Presse Voraussetzungen beachten: Ein Mindestbestand an Beweistatsachen müsse vorliegen. Das Fehlverhalten müsse von öffentlichem Interesse sein, Journalisten müssten sorgfältig recherchieren und den Fall ausgewogen darstellen. Zudem müsse der Journalist den Betroffenen auch mit den Ergebnissen seiner Recherche konfrontieren und ihm Zeit lassen, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Denn das Internet verschärft das Problem der Verfügbarkeit von Artikeln, selbst wenn diese schon nicht mehr aktuell oder falsch sind. Dadurch besteht natürlich die Gefahr, dass eine Story kaputt gemacht wird, weil der Betroffene alle Beweise glaubwürdig entkräften kann. Aber vielleicht steckt in solchen Schranken, in diesem Zwang zur Gründlichkeit auch die Chance für traditionelle Medien, in relativer Distanz zum schnellen Nachrichtenjournalismus, zum Liveticker und zum Flow der News gut recherchierte Geschichten, Reportagen, Analysen und Kommentare zu erstellen, die man auch über den Tag hinaus lesen oder ansehen kann. Eines ist klar: Die digitale Revolution ist längst nicht abgeschlossen. Nutzer und Anbieter wird sie auch künftig nötigen, sich neu zu orientieren.
