Religion zwischen Aufklärung und Fanatismus

„Religion zwischen Aufklärung und Fanatismus – eine Herausforderung für Christen, Juden und Muslime": Bei der Vorbereitung der 46. KV-Tage, die Anfang Januar in Fulda stattfanden, war die Brisanz des Themas kaum abzusehen. Jetzt vergeht kein Tag, an dem nicht von Gewalttaten mit religiösem Hintergrund berichtet wird. „In manchen Bereichen prallen die Gegensätze so hart aufeinander, dass wir fassungslos davor stehen und mit einer gewissen Verzweiflung nach Erklärungen suchen", sagte Kb Klaus Gierse bei der Begrüßung der Teilnehmer.
 
Tatsächlich ist es, als habe Religion nur noch Zutritt zu den negativen Schlagzeilen. Zwar wird die öffentliche Wahrnehmung verzerrt durch spektakuläre Aktionen wie die Flugzeugattentate vom 11. September 2001 oder islamistische Selbstmordanschläge. Doch es sind nicht nur Muslime, die Gewalt befürworten, sondern auch jüdische Extremisten, Hindu-Nationalisten, Buddhisten oder christliche Fanatiker. Aber in keiner Religionsgemeinschaft ist die Mehrheit gewalttätig, höchstens kleine, gefährliche Minderheiten mit einem mehr oder weniger großen Kreis von Sympathisanten.

Beträchtlicher Bedeutungsrückgang von Religion und Kirche

Ist es überhaupt die Religion, die zur Gewalt antreibt? Als „Der Spiegel" in einer Titelgeschichte über die dreitausendjährige Geschichte Palästinas von einem „Schlachthaus der Religionen" sprach, unterstellte er offensichtlich, Religionen seien die Hauptursache solcher kriegerischer Auseinandersetzungen, und ihr Verschwinden steigere die Chance für Friede und Toleranz. Doch wer kann nach zwei Weltkriegen und den Massenvernichtungsaktionen von Hitler und Stalin, die zumindest in Europa mit einem beträchtlichen Bedeutungsrückgang von Religion und Kirchen einhergingen, behaupten, dass sich die Gewaltbereitschaft vermindert habe? Und da die Fremdenfeindlichkeit im stärker areligiösen Osten Deutschlands verbreiteter ist als im Westen, gibt es keinen Grund, beim Thema Frieden besorgt auf Gläubige und hoffnungsvoll auf Nicht-Religiöse zu blicken.
 
Dass es sich empfiehlt, die Ursache religiös motivierter Gewalt in politischer Unzufriedenheit zu suchen, machte Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen deutlich. Nach allem, was die Sozialpsychologie weiß, entsteht Aggression durch Frustration, durch Blockade eines Ziels, das einem wichtig ist, und Gewalt täuscht ein Ende der Ohnmacht vor.

In der Berichterstattung erweckten immer wieder Metaphern den Eindruck, Gewalt im Namen der Religion sei eine Art Naturkatastrophe, die suggeriere, das Hasspotenzial sei immer schon dagewesen. „Wer diesen Eindruck erweckt, depotenziert eigentlich Politik", sagte Bielefeldt. „Dann kann man nur hoffen, dass irgendwelche autoritären Machthaber den Druck auf dem Kessel aufrechterhalten." Doch „immer ist Politikversagen ein entscheidender Faktor und gegen dieses Politikversagen gilt es Menschenrechte stark zu machen und Religionsfreiheit gehört dazu." Menschenrechte seien die Institutionalisierung von Respekt vor den Überzeugungen anderer. Sie könnten das Vertrauen wiederherstellen, das durch Staatsversagen zerrieben werde.

Religionsfreiheit bedeute auch, dass sich der Staat durchaus um Religion kümmern solle, aber so, dass Platz geschaffen werde für die Entfaltung eines religiösen Pluralismus. Keinesfalls dürfe sich der Staat „religiös einkleiden", betonte Bielefeldt: Ein Staat der beanspruche, Hüter göttlicher Gesetze zu sein, mache den Raum für religiösen Pluralismus zunichte.

Extremisten können aus dem Koran Aussagen zur Heroisierung ihrer „Märtyrer" herauslesen

Der Islam ist aus mehreren Gründen besonders anfällig für politische Instrumentalisierung und Gewalt: Er ist in Ländern mit starken sozialen Konflikten und schwacher demokratischer Kultur beheimatet. Islamisten können sich – unter Missachtung späterer Differenzierungen und Herrschaftsformen – integristisch auf die theokratische Einheit von Religion und Staat in der Ursprungszeit ihrer Religion berufen. Auch lassen sich bestimmte Stellen im Koran militant als „heiliger Krieg", als Dschihad, deuten – sei es zur Verteidigung gegen den angeblichen Angriff des Westens auf die islamische Welt, sei es zur Eroberung der Welt für den Islam. Extremisten können aus dem Koran auch Aussagen zur Heroisierung ihrer Kämpfer als „Märtyrer" herauslesen. Insofern meldete Bassam Tibi, deutscher Politikwissenschaftler syrischer Herkunft, Zweifel an der Bereitschaft von Muslimen zu einem wirklichen Dialog auf Augenhöhe mit anderen Religionen an. Dialog sei ein Mittel der Verständigung und der Konfliktlösung. „Aber das Problem mit dem Dialog ist – und das beruht auf Erfahrung - dass von islamischer Seite nicht ehrlich gesprochen wird." Von den Teilnehmern der KV-Tage blieb diese Position freilich nicht unwidersprochen.
 
Aber wie sieht die Situation einer religiösen Minderheit in der ach so toleranten bundesrepublikanischen Gesellschaft aus? Wie normal ist jüdisches Leben in Deutschland heute? Dazu lieferte der Vortrag von Michael Rubinstein Erhellendes. Er ist Geschäftsführer des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, des größten jüdischen Landesverbands in Deutschland: Nach der Vernichtung durch die Shoah und dem Neuanfang nach dem Krieg habe das jüdische Leben in Deutschland in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten einen Aufschwung erfahren, den niemand für möglich gehalten hätte, berichtete Rubinstein.

Zuwanderung von Juden hauchte Gemeinden neues Leben ein

Bis zu Beginn der neunziger Jahre seien die jüdischen Gemeinden auf dreißigtausend Personen geschrumpft, bedingt durch Altersstruktur, Auswanderung der jungen Juden, aber auch durch Mischehen. Jüdisches Leben in Deutschland drohte auszusterben. Da war die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion seit Beginn der neunziger Jahre eine Chance, die einem Geschenk des Himmels gleich kam: Sie bremste die Erosion, hauchte Gemeinden neues Leben ein und ließ neue entstehen.

Aktuell aber seien viele Gemeindemitglieder verunsichert. „Jüdische Menschen und Einrichtungen werden wieder Ziel von Anfeindungen und Angriffen, die zu großen Diskussionen darüber führen, welche Zukunft jüdisches Leben noch hier haben kann."

Denn die Gewaltbereitschaft im rechtsextremen Lager habe dramatisch zugenommen. 2014 sei die Zahl rechtsextremer Gewalttaten um fast 24 Prozent bis auf 990 angestiegen. „Fakt ist allerdings", sagte Rubinstein: „Das radikale Potenzial in unserem Land übersteigt die Befürchtungen. Es ist erschreckend, wie erfolgreich die Rechtsradikalen mit ihren Hetzkampagnen zu Menschen durchdringen, die der rechtsextremen Szene bisher nicht zuzuordnen waren, aber offenbar für das Gedankengut empfänglich sind. Der Verfassungsschutz warnt vor einem Schulterschluss zwischen rechtsextremistischen Parteien und aufgepeitschten Bürgern. Eine verheerende Allianz, der die Pegida-Bewegung den Weg gebahnt hat, weil sie die Atmosphäre in unserem Land mit Hass und Rassismus vergiftet hat.

Inzwischen tritt die Pegida-Bewegung offen antisemitisch auf. Es war ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis diese Maske fallen gelassen wurde. Die leider zu beobachtende Verwendung des Begriffs Jude als Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen zeigt, dass es mittlerweile niederschwellige Auswüchse gibt, die man vor einigen Jahren wohl schwer für möglich gehalten hätte." Die Gemeinden sorgten sich, wie sich jüdisches Leben in Deutschland entwickelt: „Wir stellen uns die Frage: Muss denn erst einmal etwas passieren, um darauf reflexartig zu reagieren, wo fängt die Gefahr an? Wichtiger und richtiger wäre daher eine vernünftige Präventionsarbeit als Querschnittsaufgabe unserer Gesellschaft, Aktion und Vorsorge statt Reaktion."

Juden beklagten In den letzten Jahren einen wachsenden Antisemitismus

Einerseits sei es eine Wohltat, die neue deutsche Offenheit, die Willkommenskultur zu erleben. Andererseits sei die Aufgabe der Integration immens. Vor allem gebe es in den jüdischen Gemeinden die Sorge, Flüchtlinge importierten die antisemitischen Einstellungen ins Land, mit denen sie in ihren Heimatländern sozialisiert wurden.
„Unter keinen Umständen dürfen wir bagatellisieren oder hinwegsehen. Das gilt für Flüchtlinge, die über Bedrohung berichten, das gilt auch für den von uns Juden beklagten wachsenden Antisemitismus", sagte Rubinstein. „Die Gefahren lauern nicht mehr an den äußeren Spektren unserer Gesellschaft. Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus sind ein massives Problem unserer Gesamtgesellschaft."

Wenn Juden am Seder-Abend des Pessach-Festes sich auf hebräisch wünschen: „Nächstes Jahr in Jerusalem" dann umfasse dies die Hoffnung auf das spirituelle Jerusalem der kommenden Welt, in dem sich die prophetischen Visionen erfüllen und alle gemeinsam den einen Gott bezeugen, egal ob Juden, Christen oder andere, sagte Michael Rubinstein schließlich, „und wenn wir heute wirklich etwas als Kitt der sich verändernden Gesellschaft benötigen, dann ist es Mut, Hoffnung und ein ehrliches, tatkräftiges Miteinander von Mensch zu Mensch."