Einheit in der Vielfalt – fünfhundert Jahre nach Luther

Gemeinsamkeit fällt nicht in den Schoß – das gilt gerade für das Verhältnis der Kirchen untereinander. Christen unterschiedlicher Konfession sollten sich fragen, wie sie gemeinsam glauben, bekennen und handeln können. Dass es viel Gemeinsamkeit gibt, wurde auf den KV-Tagen in Fulda deutlich, die unter dem Titel „Einheit in der Vielfalt – fünfhundert Jahre nach Luther" standen: Bibel und Gebet, Feiern im Kirchenjahr und Diakonie. In einer pluralen Gesellschaft können Kirchen nicht mehr beziehungslos nebeneinander leben, wie das Jahrhunderte lang der Fall war.

Das Reformationsjubiläum wird seit 2007 als Dekade mit wechselnden Jahresthemen gefeiert. In seinem Vortrag „Das Reformationsjubiläum in Politik und Gesellschaft." warnte der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein vor Verflachungen und Verfälschungen. „Reformationsjubiläen waren stets ein Spiegel des Zeitgeistes", sagte Beckstein. 1617, beim ersten Reformationsjubiläum, ging es Lutheranern und Calvinisten darum, sich ihrer protestantischen Identität zu vergewissern – zumal gegenüber dem Konzil von Trient. Rom setzte ein Sonderjubiläum zur Ausrottung der Ketzer dagegen, wenig später brach der Dreißigjährige Krieg aus, ein Religionskrieg mit furchtbaren Verwüstungen. 1817, nach dem Sieg über Napoleon, stieg Luther zum Nationalhelden auf, 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde der Reformator als Retter des Volkes gepriesen. Nationalsozialisten vereinnahmten Luther als Vorläufer Hitlers, Kommunisten als frühbürgerlichen Revolutionär: alle bisherigen Reformationsjubiläen waren antikatholisch und national ausgerichtet: So könne kein weiteres Reformationsjubiläum gefeiert werden, höchstens als Impuls, Trennendes zu überwinden und sich im Glauben zu stärken. Denn, sagte Beckstein: „Wir wissen, was wir uns angetan haben, aber wir wissen auch, was wir aneinander haben. Den Versuch, zu einer organisatorischen Kircheneinheit zu gelangen, hielt Beckstein für aussichtslos, entscheidender sei dagegen die Besinnung auf gemeinsame geistesgeschichtliche Grundlagen, die unser Land zusammen halten, auch vor dem Hintergrund einer drastisch steigenden Zahl von Muslimen: ,,Wir selbst haben in Bayern ein Gesetz geschaffen, wo von einer christlichen Leitkultur die Rede ist, die unser Land prägt", berichtete Beckstein. „Leitkultur" sei dabei kein Begriff des Bekenntnisses, sondern der Kultur. Denn, sagte Beckstein: „Allein mit Gesetzen kann man kein Zusammenleben regeln: Wenn man keine gemeinsamen Grundlagen hat, muss alles mit Strafdrohung durchgesetzt werden."

Reformation – warum überhaupt? Diesen Untertitel gab Helmut Liersch, emeritierter evangelischer Propst aus Goslar, seinem Vortrag „Kirchliches Leben am Vorabend der Reformation". „Die Christenheit war wohl nie so fromm wie um 1500", meinte Liersch. Davon zeuge das Stiftungswesen, die Wallfahrtskultur oder die spirituelle Bewegung „devotio moderna". Vieles, was später als typische Forderung Luthers angesehen wurde, habe es schon vor ihm gegeben, so die Forderung nach einem Konzil oder die Bibel in deutscher Sprache. Dennoch gab es – vor dem Hintergrund prinzipieller Anerkennung der Kirche – viel Kritik am Klerus. Der Ablass, an dem sich der theologische Streit entzündete, „war ein ganz marginales Thema", sagte Liersch. Zwei Ursachen für den Ausbruch der Reformation nannte Liersch: Die eine Ursache liege in der Persönlicheit Luthers, der überzeugt war, dass das Papsttum der Antichrist sei. Der zweite Punkt war die politische Konstellation: „Karl V. war ja mit allem anderen beschäftigt als mit der Reformation, er war bis zum Augsburger Reichstag überhaupt nicht im Reich."

Ähnlich äußerte sich Martin Treu, der Geschäftsführer der Luther-Gesellschaft in Wittenberg, in seinem Vortrag: „Rom und die Reformation". Auch Rom schien damals blind für den Umbruch im Norden gewesen zu sein: Die Päpste fesselte eher die Tatsache, dass mit der Wahl Karls zum römisch-deutschen Kaiser der Norden und Süden Italiens unter eine habsburgische Herrschaft kam. Aus römischer Sicht blieb es existenz-entscheidend, „dass Neapel und Reichsitalien nicht in einer politischen Hand lagen.

Rom schien damals blind für den Umbruch im Norden gewesen zu sein

Als Gegengewicht galt vor allem den Medici-Päpsten das Königreich Frankreich. Das Ringen zwischen dem Haus Valois und den Habsburgern auf italienischem Boden sollte die Aufmerksamkeit der Päpste viel mehr fesseln als die Luther-Sache im fernen Deutschland." Es sei eine interessante Frage, welcher Kirche Luther heute angehören würde, meinte Martin Treu. Dogmengeschichtlich stünden die lutherischen Kirchen eher bei Melanchthon, von dem das Augsburger Bekenntnis als offizielle Lehrgrundlage stammt. „Zwar stehen Luthers sehr viel schärfere Schmalkaldische Artikel auch in den Bekenntnisschriften, haben aber doch einen minderen Rang." Auch in der Abendmahlsfrage machte Treu in den lutherischen Kirchen calvinistische Züge aus: „Der Umgang mit nicht gebrauchtem Brot und Wein ist gewöhnlich wenig respektvoll. Ähnliches gilt für die Auflösung der Theologie in die Ethik."

Theologisch überdacht hat die katholische Kirche ihr Verhältnis zu nicht-katholischen Christen

Wäre Luther also Mitglied einer post-vatikanischen römischen Kirche? „Die Verwendung der Volkssprache, der Altar als Tisch – etwas, was Luther nie durchsetzen konnte, sprechen dafür. Selbst in der Abendmahlsfrage ist der Abstand Luthers, Stichwort Realpräsenz, zu Calvin viel größer als zu Rom", meinte Treu. Bliebe als Stein des Anstoßes nur das Papsttum.

Theologisch überdacht hat die katholische Kirche ihr Verhältnis zu nicht-katholischen Christen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit dem Ökumenismus-Dekret „Unitatis redintegratio", berichtete Thomas Stubenrauch, der Ökumene-Referent des Bistums Speyer in seinem Vortrag „Das Ökumene-Dekret des Zweiten Vatikanums und seine Wirkung". Bis zum Konzil galt die Instruktion des Heiligen Offiziums über die ökumenische Bewegung aus dem Jahr 1949: Sie bezeichnete die katholische Kirche exklusiv als einzig wahre Kirche Christi und nicht-katholische Christen als „dissidentes christiani", die um ihres Heiles willen zurückkehren und sich wieder mit der katholischen Kirche vereinigen sollten. „Unitatis redintegratio" machte mit dieser reservierten Haltung Schluss. „Der Geist Christi hat sich gewürdigt, die getrennten Kirchen und Gemeinschaften als Mittel des Heils zu gebrauchen", heißt es dort. „Vorher wurde von Sekten gesprochen", sagte Thomas Stubenrauch. „Jetzt wird von anderen Kirchen als „Mitteln des Heils" gesprochen, dass Gott also auch durch sie wirkt, dass auch in ihnen Dinge da sind, die sie als Kirche ausmachen, dass sie durch die Taufe unsere Schwestern und Brüder sind." Vorher habe man die katholische Kirche mit der Kirche Christi „platt gleichgesetzt", meinte Stubenrauch. Das Zweite Vatikanische Konzil änderte diese Gleichsetzung mit Hilfe des lateinischen Wortes „subsistit".

Was dies für die Vision einer einigen Christenheit bedeutet, skizzierte Professor Wolfgang Thönisssen, der Leiter des Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn, am nächsten Tag, nachdem am Abend zuvor der Carl-Sonnenschein-Preis an Philipp Awater (Wk) und Johannes Kainz (Ale) verliehen worden war. Er sagte: „Die katholische Kirche selbst ist gar kein monolithischer Block, sondern auch durch vielfältige Gemeinschaftsformen geprägt. Und wenn wir sehen, dass die katholische Kirche auch eine Gemeinschaft von Teilkirchen ist, dann ist es von dort aus kein großer Schritt mehr zu sagen: Können wir das nicht übertragen, zumindest für unser Zeitalter, auf das Verhältnis zu den noch getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften?" Die lutherische Gemeinschaft öffne sich der katholischen Kirche immer stärker, ebenso die katholische Kirche den Lutheranern und das sei bei Orthodoxen, Anglikanern und Reformierten genauso.

Wachsende Gemeinschaft unter Christen

„Das ist keine leichte Aufgabe, gewiss nicht. Eine einzige Kirche unter einem einzigen Dach wird es so nicht geben. Es wird aber auch keine Gemeinschaft der Christen ohne den Papst geben – so als wenn die Katholiken den Papst und die Bischöfe mal eben aufgäben und abschafften, die Probleme hätten wir so nicht gelöst. Aber es gibt eine Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom und sie ist sehr lebendig, sonst würden nicht Lutheraner, Reformierte, Anglikaner und Orthodoxe so oft nach Rom reisen und die Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater suchen und auch umgekehrt. Wir haben die Vertiefungen und Gemeinsamkeiten in der theologischen Frage der Rechtfertigung, wir teilen das Sakrament der Taufe und vielleicht haben wir ja auch das Abendmahl im Blick." Es gäbe Verständigungen in der Frage des Amtes in der Kirche, einschließlich des Petrusamts meinte Thönissen: „Das alles sind für mich starke Zeichen und Hinweise auf eine wachsende Gemeinschaft unter Christen. Wenn wir die Einheit der christlichen Kirchen suchen, dann verwirklichen wir die Gemeinschaft unter den Christen. Das ist, was wir vor uns haben: keine Vision, aber doch ein wichtiges und ein wesentliches Mittel unserer verwirklichenden Gemeinschaft. Ich bin gewiss, dass wir auf diesem Wege das finden, was wir die wahre Einheit in Christus nennen können."