50 Jahre KV-Tage unser Leben morgen

Wie werden wir künftig leben? Anfang Mai 2019 war der deutsche Erdüberlastungstag. Wäre weltweit der Ressourcenverbrauch so groß wie hierzulande, wären an diesem Tag alle nachhaltig nutzbaren Ressourcen für das Jahr verbraucht. Das bedeutet: Ohne Nachhaltigkeit, ohne klügeren Umgang mit den Ressourcen wird die Zukunft nicht gelingen. Unter dem Thema ,,Unser Leben morgen" befassten sich Anfang Januar die 50. KV-Tage in Fulda mit der Fortentwicklung der Mobilität, dem Stellenwert digitaler Medien, Perspektiven der Medizin und der Rolle der Kirche in einer Welt, die sich rascher verändert als je zuvor.

Der Mensch von heute muss und will mobil sein, aber er erkauft seine Mobilität zu immer teureren Preisen: mit Staus und Schmutz, mit Lärm und Unfällen, mit CO2 und Stickoxid, die das Klima anheizen. Folgt man dem Umweltbundesamt, war der gesamte Straßenverkehr 2016 für 160 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß verantwortlich. Denn die positiven Effekte effizienterer, sauberer Motoren verpuffen, wenn immer mehr Autos unterwegs sind und der Trend zu immer schwereren, PS-starken Fahrzeugen fortdauert. Und obwohl die Straßen sowieso schon überlastet sind, nimmt der Verkehr ständig zu. Höchste Zeit, umzudenken.

Doch welche Verkehrsmodelle sind sinnvoll, damit wir mobil bleiben? Wenn es gelingt, Individualverkehr, öffentlichen Personennah- und Fernverkehr miteinander zu verknüpfen, lässt sich einiges gegen Verkehrsinfarkt und Klimawandel tun.

Bahnfahren: angewandter Klimaschutz

Denn kein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn. ,,Steigen Sie heute in einen Zug, schonen Sie die Umwelt so stark wie mit keinem anderen Verkehrs-
mittel", sagte Kb Michael Odenwald (Vors. des Aufsichtsrats der Deutsche Bahn AG). Bis 2038 werde die Bahn ihren Bahnstrom komplett auf Ökostrom umstellen. Auch beim Energieaufwand jenseits des Antriebs der Züge, beim Materialaufwand, bei Liegenschaften, als Großkonzern mit mehr als zweihunderttausend Mitarbeitenden ,,wolle die Bahn ran", und bis 2050 komplett CO2-frei arbeiten.

,,Über sieben Millionen Menschen fahren hierzulande tagtäglich mit der DB an ihr Ziel." Kein anderer Verkehrsträger könne diese Leistung von sich aus übernehmen. Daher stelle die DB Mitarbeiter ein und investiere mit ihrer Strategie ,,Starke Schiene" intensiv in mehr Fahrzeuge, neue Strecken und dichtere Taktung.

,,Mit digitaler Technologie wird die Schiene ihr Potential künftig noch besser ausspielen", kündigte der Aufsichtsratsvorsitzende an. Denn die Digitalisierung sorge nicht nur für mehr Verkehr auf der Schiene, für Züge, die zuverlässiger und pünktlicher seien und die Bahn wettbewerbsfähiger machen, sie erlaube auch, Reisende besser zu begleiten und zu informieren – etwa über die App „DB Navigator" und vernetze Reisende mit anderen Verkehrsmitteln, sagte Michael Odenwald – etwa über Shuttle-Dienste, die den Nahverkehr vor Ort stärken."

Jahr für Jahr, haben Forscher errechnet, verbringt jeder Deutsche durchschnittlich sechzig Stunden im Stau. Hinzu kommt die schlechte Umweltbilanz. Dennoch: Um individuell mobil zu sein, führt wohl auch künftig kaum ein Weg am Auto vorbei. Allerdings muss sich einiges ändern. Das Auto von morgen muss vor allem ohne Benzin auskommen.

Welche Perspektiven hat Elektromobilität? Mit der Energiewirtschaft und der Fahrzeugtechnologie rückten zwei Industrien zusammen, die miteinander ,,eigentlich nie etwas zu tun hatten.", sagte Kb Dr.-Ing. Philipp Awater (Wk), dessen Dissertation über ,,Quantitative Bewertung der Netzsicherheit in der Planung elektrischer Übertragungsnetze" 2017 mit dem Carl-Sonnenschein-Preis ausgezeichnet wurde. Plötzlich sei das Auto ein neuer Nutzer des Stromnetzes. Zwar sagten Experten vor einigen Jahren, Elektromobilität könne niemals gelingen, aber der Druck sei stark, jede mögliche Lösung zu begünstigen, die hilft, CO2-Emissionen zu reduzieren.

Momentan liege der Anteil von Elektrofahrzeugen bei 0,2 Prozent, doch bis 2030 würden sechs Millionen zugelassene Elektroautos auf deutschen Straßen erwartet. Der Aufbau eines Netzes elektrischer Ladestationen sei nur eine Frage der Zeit. Vom Kauf eines Elektro-Fahrzeugs halte derzeit noch der hohe Anschaffungspreis ab, hinzu kämen das Problem der Reichweite und der Zeitaufwand für das Aufladen der Batterie. Zudem, ein weiteres Problem, könne die Autobatterie, wohl höchstens zehn Jahre lang eingesetzt werden, dann müsse man sie austauschen. Da die Batterie ein Drittel bis ein Viertel der Fahzeugkosten ausmache, erfordere ihr Austausch weitere, hohe, Investitionskosten.

Um wirklich umweltfreundlich zu sein, müssten Elektrofahrzeuge mit Strom aus erneuerbaren Energieträgern geladen werden. Daher müsse die Energiewende Hand in Hand mit der Elektromobilität gehen, der Anteil der fossilen Energieträger reduziert und der Anteil der erneuerbaren gesteigert werden. Ziel sei deshalb ein Energiesystem, bei dem Strom aus erneuerbaren und fossilen Energieträgern in ein Umspannwerk einfließe, um dann an den Endverbraucher weitergegeben zu werden.

Dreißig Jahre gibt es das Internet mittlerweile. Es hat die Medienwelt von Grund auf verändert und wird wohl auch künftig für manche Überraschung gut sein. Zeit für eine Zwischenbilanz: Unabhängig von sämtlichen Regulierungsversuchen werde das Internet auch weiterhin ein digitaler Raum der Meinungs- und Informationsvielfalt sein, sagte Kb David Kockerols (Alb, Ale, Smn) in seinem Vortrag über digitale Medien. Nötig sei mehr Sensibilität bei der Nutzung sozialer Medien und im Umgang mit den dort vermittelten Informationen. Insbesondere die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen müsse frühzeitig geschult werden.

Denn, sagte David Kockerols: ,,Das Internet als digitaler Raum für die Freiheit von Meinungen und die Transparenz von Informationen kann nur mit einem aufgeklärten und mündigen Nutzer funktionieren."

Historische Entwicklung unter harten Bedingungen

,,Können, sollen, dürfen wir den Menschen verbessern?" fragte Kb Prof. Dr. Peter Rösen (JE, E d Wf-K), in seinem Vortrag über Möglichkeiten und Grenzen der modernen Biologie. Der emeritierte Professor für Medizin beschäftigt sich in Vorträgen mit Evolution, Gentechnik und Fragen der Bioethik. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Tatsache, dass der Mensch , wie sich oft zeigt, verbesserungsbedürftig ist.
,,Unser Genom hat sich nicht gestern, sondern vor drei bis vier Milliarden Jahren entwickelt – und zwar unter sehr harten, ungünstigen Bedingungen", sagte Professor Rösen. Das Leben unserer Vorfahren war gefährdet: von Krankheiten, Umweltgefahren, anderen Lebewesen: ,,also ein schwieriger Prozess und Biologen gehen davon aus, dass etwa eine gewisse Aggressivität, Ich-Bezogenheit oder Abgewandtheit gegenüber Fremden auf diese lange Emtwicklungsphase zurückgeht und irgendwo in den Erbanlagen des Menschen fixiert ist. "

Inzwischen lasse sich jedes Gen aus jedem beliebigen Organismus in jeden anderen Organismus übertragen – und zwar arten- und stammesüberschreitend. Aber dürfe der Mensch dies auch tun? Sicherlich wenn es gilt, Schmerzen zu lindern oder Krankheiten zu heilen. ,,Ein gentechnischer Eingriff an somatischen Zellen, an Körperzellen, an differenziellen Zellen – da würde ich relativ wenig ethische Probleme sehen", meinte Professor Rösen – ,,unter der Voraussetzung, dass sie nicht der Manipulation dienen, sondern der Therapie." Wenn man mit Gentherapien versuche, Krebs- und Aids-
Kranken oder Patienten mit Blutkrankheiten zu helfen, sei dies ethisch akzeptabel. Schwieriger sei dies bei Eingriffen in das Erbgut von Embryos.

Die Stadt Fulda und ihr Dom waren auch Ziel einer Exkursion. Im Dom befindet sich das Grab des Heiligen Bonifatius, des Apostels der Deutschen, hier kommen die deutschen Bischöfe zusammen. Fulda ist ein wichtiger Ort der Missionsgeschichte in Deutschland – Anlass zur Frage, wie sich die Kirche weiterentwickeln wird. Zwar geht ihre Mitgliederzahl in die Millionen – aber die Austrittszahlen sind hoch. Heinz Josef Algermissen, emeritierter Bischof von Fulda, versuchte in seinem Vortrag ,,Kirche in Suche, in Bewegung" Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Nicht nur die Kirche, auch die Gesellschaft, den Menschen von heute, sah Algermissen in der Krise und nannte als Symptome Heimatlosigkeit, Individualisierung und Patchwork-Identitäten mit einer verwirrenden Vielfalt unterschiedlicher Werte. Alles sei gleich gültig. Die Kirche sei nur eine Sinn-Anbieterin von vielen.

,,Manches, was uns an der Sozialgestalt der Kirche vertraut und lieb geworden ist, zerbricht", erläuterte der Altbischof. Doch sei eine Wendezeit auch eine Stunde der Wahrheit: ,,So, wie es bisher war, geht es nicht weiter. Wir müssen zum Ursprung zurück und aus den Quellen der Tradition neu ansetzen. Manchmal erfahren wir erst dadurch, wovon wir wirklich leben." Kirche habe das zu kultivieren, was den unbehausten Zeitgenossen am meisten fehlt: ein Zuhause, eine Heimat – auch für die Seele.

,,Das ist das Geheimnis unseres Glaubens", sagte
Algermissen. ,,In Gott haben wir ein Heim, eine Heimat. ,,Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen", so lädt uns Jesus im Johannes-Evangelium ein. Er bürgt für unsere Heimkehr. Ohne ihn wird es im wahrsten Sinne des Wortes früher oder später unheimlich."

Seit fünfzig Jahren werden die KV-Tage mittlerweile veranstaltet. Aus diesem Anlass wurde in Fulda eine Festschrift ,,50 Jahre KV-Tage" vorgestellt. Sie vermittelt einen Rückblick auf eine vielfältige Geschichte intensiver Bildungsarbeit im Kartellverband und soll in Kürze erscheinen.