Juden – Unsere älteren Brüder im Glauben
Die 27. Würzburger KV-Tage fanden vom 10. bis 12. Januar 1997 zu dem Thema „Juden – Unsere älteren Brüder im Glauben – Was haben die Juden mit der christlichen Ökumene zu tun?" statt. Unter der Leitung des Vorsitzenden des Altherrenbundes Kb Klaus Gierse nahmen 70 Kartellbrüder und Gäste an den Vorträgen und Diskussionen teil.
Dr. ltzhak Markus (Jerusalem) sprach zum Thema „Die Verheißung an das Volk Israel – Geschichte und Realisation heute". Nach seiner Auffassung sollte die Gesellschaft durch die Eintracht von Mensch und Natur geprägt sein. Nur dann sei man der Verwirklichung von Gottes Verheißungen einen „winzig kleinen Schritt" nähergekommen. Gefahr drohe dem Weltfrieden allerdings durch Radikale und Extremisten, die die Bibel oder Gottes Verheißungen „einseitig" interpretierten. Für Prof. Dr. Frank Mußner darf die Ökumene nicht bei innerkirchlichen Problemen stehen bleiben. „Seit Auschwitz gehört die jüdische Religion zur ökumenischen Frage." Jahrhundertelang habe die katholische Kirche einen Antijudaismus praktiziert. Erst das II. Vatikanische Konzil habe damit „aufgeräumt" und festgestellt, dass die Juden keine „Gottesmörder" waren. Im Hinblick auf das Jubiläum im Jahre 2000 sei es notwendig, auch Gespräche mit dem Islam aufzunehmen, da auch Muslime gemäß der Bibel „Söhne Abrahams" seien. Der Vorsteher der jüdischen Kultusgemeinde bei den Amerikanischen Streitkräften in Würzburg, Israel Schwierz, sprach über die „Situation der Juden in Deutschland heute". Seit 1989 sei die Zahl der in 76 Gemeinden zusammengeschlossenen Juden in Deutschland vor allem durch die Kontingentflüchtlinge aus der einstigen Sowjetunion auf 60 000 gewachsen. Die so entstandenen Probleme wie Mangel an Räumen, Unterrichtsmaterialien oder Lehrern müssten jetzt von den Gemeinden gelöst werden. Ein Abfall vom jüdischen Glauben drohe allerdings angesichts einer wachsenden Angleichung an die Gesellschaft. Für Schwierz ist eine Mischehe nicht akzeptabel. Durch die Heirat eines Juden mit einer Nichtjüdischen höre das Judentum auf, in der Familie zu existieren. „Nur der ist ein Jude, der eine jüdische Mutter hat."
Das Thema „Der KV und der Antisemitismus" fand besondere Beachtung
Der Beitrag von Kb Dr. Löhr zum Thema „Der KV und der Antisemitismus" fand besondere Beachtung. Vor einem halben Jahr stellte der Münchner Historiker Horst Möller auf einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern die verblüffende Frage „Wem gehört eigentlich die Geschichte: den Zeitgenossen, den Archivaren, den Historikern, den Politikern, den Amateuren, der Gesellschaft?" Er zögerte mit der Antwort und stellte dann lapidar fest: „den Medien". Als Begründung nannte er den großen Erfolg eines wissenschaftlich fragwürdigen Buchs des jungen amerikanischen Soziologen und Politologen Daniel Jonah Goldhagen mit dem bezeichnenden Titel „Hitlers willige Vollstrecker". Dieses von vielen Fachleuten als medioker eingestufte Werk besitzt hohen Sensationswert und gibt eine einfache Antwort auf die Frage nach den Ursachen des Holocausts: Die damaligen Deutschen als Gesamtheit sind schuldig, weil sie sich dem eliminatorischen Antisemitismus nicht widersetzten. Als Historiker bin ich kein Richter, der verurteilt. Ich kann nur die Fakten nennen, sie werten, dabei differenzieren und auf Hintergründe verweisen. „Der Historiker", und hier zitiere ich nochmals Horst Möller, „ist auch kein Theologe. Er gibt keine letzten Antworten." Schließlich kann er nicht sagen, „wie das Böse überhaupt in die Welt gekommen ist und warum es über alle Generationen und über Jahrtausende hinweg in ihr bleibt. Er kann freilich auf Ursachen und Entwicklungen hinweisen. Damit sind wir mitten in unserem heutigen Thema, bei dem den Fragen nachzugehen ist, wie es zu der Einführung des Arierparagraphen im KV als einer typischen und offenkundigen antisemitischen Maßnahme kam, ob es Vorzeichen dafür und ob es Reaktionen darauf gab, und schließlich, wie wir damit heute umgehen sollten.
Toleranz für alle und erst recht für Minderheiten
Im KV ist vor 1919 weder von einem offenen noch von einem latenten Antisemitismus zu berichten. Das entsprach der Haltung des im KV hoch verehrten Ludwig Windthorsts, der als Führer des politischen Katholizismus Toleranz für alle und erst recht für Minderheiten forderte. Es gab aber gleichfalls „auch auf katholischer Seite sozial (nicht rassisch) bedingte antijüdische Aversionen" (R. Schatz). Davon war im KV nichts zu spüren. Seit den 20er Jahre erschienen statt dessen auf Veranlassung der Verbandsführung regelmäßig Beiträge, die sich mit dem völkischen und rechtsradikalen Hochschulring deutscher Art auseinandersetzten. Autoren waren zunächst Walter Hensel und danach August Fischer. ln die Debatte griff ferner der Verbandsgeschäftsführer, der Bonner Rechtsanwalt Johannes Henry, ein. Er veröffentlichte im „Schwarzen Brett" der „Akademischen Monatsblätter" einen Schriftwechsel mit seinem Bundesbruder Martin Spahn, Professor in Köln und am politischen Kolleg in Berlin tätig. Darin überführte er Spahn, der für den Hochschulring sprach, nicht nur der Unwahrheit, sondern deckte die wahren Absichten des Hochschulrings auf. Für Henry stand zweifelsfrei fest, daß dieser Verband „mit dem reinen vaterländischen Idealismus und der Begeisterungsfähigkeit" der akademischen Jugend Mißbrauch treibe. Henry gab aber zu, daß er noch zwei Jahre zuvor auf der Vertreterversammlung in Köln 1922 für den Hochschulring eingetreten war, „allerdings in einer heute von mir bedauerten Kurzsichtigkeit", fügte er hinzu. Hensel schrieb gegen den Hochschulring vor allem wegen seiner antichristlichen Tendenzen. Nicht nur der völkische Hochschulring stand im Mittelpunkt der Kritik der „Akademischen Monatsblätter", sondern auch der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund und die NSDAP.
Es wurde zur positive Überwindung des Nationalsozialismus aufgerufen
Als einer der herausragenden Beiträge sei auf einen längeren Artikel aus dem Jahre 1932 verwiesen, verfaßt von dem Jesuitenpater und dem Herausgeber der Kulturzeitschrift „Der Gral", Friedrich Muckermann. Darin rief der Autor, der als Ehrenmitglied dreier Korporationen des Verbandes bei den Studenten gut bekannt war, zu einer „positiven Überwindung des Nationalsozialismus" auf. Er sei ein Schrittmacher des Bolschewismus, dessen Menschenverachtung Muckermann am eigenen Leib erfahren hatte. Er warnte deshalb vor dem heraufziehenden Unheil und entlarvte den Nationalsozialismus als einen Mythos, der sich der Vernunft versage und eine unwissenschaftliche Rassenlehre verbreite. Den Antisemitismus der NS-Zeitungen und Zeitschriften hielt er für eine Kulturschande. Ähnlich wie Friedrich Muckermann verurteilte auch der Jurist Felix Otte aus Breslau 1932 in den „Akademischen Monatsblättern" den nationalsozialistischen Rassegedanken und stellte heraus, dass die rassenideologischen Grundsätze eines de Lagarde und Gobineau nicht mit der katholischen Weltanschauung und ihrer Lehre von der gleichen Wesenheit aller Menschen vereinbar sei. Alle Menschen, so fasste er zusammen, haben dieselben wesentlichen Rechte und Pflichten.
Gab es Vorzeichen, die auf die Einführung des Arierparagraphen im KV?
1932 wurde ebenfalls auf dem Philistertag in Würzburg über den Nationalsozialismus gesprochen: Aus der dort gehaltenen Rede des jungen Historikers Götz von Pölnitz ist für unser Thema festzuhalten, daß er erklärte, die fanatische Rassenideologie der Nationalsozialisten sei mit dem Christentum unvereinbar. Dies hatte auch Otte gesagt und war fast einhellige Meinung im KV, weshalb die Verbandsspitze u. a. aus diesem Grund im Dezember 1930 eine Zugehörigkeit zur NSDAP den KVern untersagte. Halten wir hier einmal inne und kommen auf eine eingangs gestellte Frage zurück. Sie lautete: Gab es Vorzeichen, die auf die Einführung des Arierparagraphen im KV aufgrund eines erkennbaren Antisemitismus im Verbandsorgan oder bei den Mitgliedern hindeuteten? Die Antwort lautet schlicht: Nein.
Dennoch bleibt ein Unbehagen, Warum hat niemand gegen den krassen Verstoß gegen das Prinzip der Lebensfreundschaft durch die Einführung des Arierparagraphen und den geforderten anschließenden Ausschluß von Bundesbrüdern protestiert? Warum hat man lediglich die Anordnung ignoriert oder formal erledigt?
Wir können es nicht mehr beantworten. Die damaligen verantwortlichen KVer sind tot. Aber, muß man fragen, warum haben sie nach 1945 darüber geschwiegen, anders als über die Gleichschaltung? Warum hat niemand von ihnen gesagt, was wir taten, war ein Fehler? Das meine ich nicht als Anklage oder als Vorwurf, es ist lediglich eine Anfrage. Doch müssen nicht auch wir uns fragen, wie hätten wir gehandelt? Wären wir mutiger als sie gewesen? Auf jeden Fall müssen wir die Last unserer Geschichte annehmen und die Wahrheit über die Vorkommnisse erforschen. „Die Geschichte annehmen", so haben die deutschen Bischöfe aus Anlaß des 50. Jahrestages der Novemberpogrome von 1938 gesagt, „heißt sich ihrer Licht- und Schattenseiten zu stellen“. Es hat ja unter der national-sozialistischen Terrorherrschaft nicht nur Versagen und Schuld, sondern auch Bewährung und Mitgefühl mit den Opfern gegeben. Ich erwähne in diesem Zusammenhang nur den mutigen Bekenner vor Hitlers Terrorgericht, Josef Wirmer. Er hat jüdische Mandanten weiter beraten und vertreten und wurde deshalb aus dem sogenannten Rechtswahrerbund ausgeschlossen. Als Mitglied der Verschwörung gegen Hitler ist er hingerichtet worden. Wir müssen die Last unserer Geschichte annehmen und die Wahrheit über die Vorkommnisse erforschen.
